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Gegen- und gleichgeschlechtliche Objektwahlen

Dieser Text ist eine stark gekürzte Leseprobe aus dem Buch "Sexuell werden - Sexuelle Sozialisation und Geschlechterverhältnisse" von Marlene Stein-Hilbers, Opladen (2000), 183 Seiten

Gegenwartsgesellschaften sind darauf ausgerichtet, sexuelles Begehren und Lust auf das jeweils andere Geschlecht zu richten. Heterosexualität gilt als natürlich und wird durch mächtige diskursive Instanzen - Recht, Humanwissenschaften, Religionen, kulturelle Inszenierungen - abgesichert und legitimiert. An dieser Norm werden andere Formen sexuellen Verhaltens gemessen. Vorstellungen von Körperlichkeit, Identität, Liebe, Familie werden davon bestimmt; das heterosexuelle Paar (mit eigenen Kindern) gilt als legitime Beziehungsform. Diese allumfassende Fixierung auf Heterosexualität hat Rich als Zwangsheterosexualität beschrieben: soziale und ökonomische Ungleichheiten zwingen vor allem Frauen zur Einhaltung heterosexueller Standards und zur Einschränkung potentiell vielfacher sexueller Erlebensformen.
Über den eigentlichen Prozess der Ausbildung heterosexueller Präferenzen ist bislang wenig bekannt. Kinder und Jugendliche haben gelernt, dass Sexualität für ihre Beziehungen zu anderen bedeutsam und dass ihr Körper das Medium sexueller Interaktionen ist oder sein wird. Viele von ihnen haben selbst sexuelle Erregung und Befriedigung kennen gelernt. Sie binden sie im Verlauf ihrer sexuellen Sozialisation immer stärker an das jeweils andere Geschlecht und imaginieren und praktizieren entsprechende sexuelle Interaktionen.
Das symbolische System Heterosexualität mit all seinen kulturellen, rechtlichen, religiösen u.a. Vorgaben stellt ihnen dafür entsprechende Identifikationsmodelle bereit, denen sie sich kaum entziehen können: dem Wissen, dass die eigene Existenz auf einen heterosexuellen Koitus zurückzuführen ist, eigene Erfahrungen in einem heterosexuell strukturierten Familiensystem, die allgegenwärtige Thematisierung der heterosexuellen Liebe in der Populärkultur und in den Massenmedien, die entsprechenden rechtlich-sozialen Ausgestaltungen des Alltagslebens (z.B. Heirat und Familienbeziehungen).
Einige Menschen brechen aus dieser ‚heterosexuellen Matrix' aus und erotisieren Angehörige ihrer eigenen Geschlechtsgruppierung. Sie stellen damit (in aller Regel) zwar nicht ihre eigene Geschlechtszugehörigkeit wohl aber den normativen Zusammenhang von Geschlechtszugehörigkeit und gegengeschlechtlicher sexueller Orientierung in Frage. Weil wir in einer zweigeschlechtlich und heterosexuell strukturierten Welt daran gewöhnt sind, Menschen nach dem Geschlecht ihrer bevorzugten SexualpartnerInnen zu klassifizieren und sexuelle Präferenzen als grundlegend für die Ausbildung von Persönlichkeitsstrukturen zu betrachten, erscheint ihr Verhalten als erklärungsbedürftig.
Die Humanwissenschaften sind diesem Muster gefolgt und haben ihre Aufmerksamkeit vor allem auf die sogenannten ‚abweichenden' sexuellen Präferenzen gerichtet. Sexualwissenschaftliche Theorien und Untersuchungen sind bislang eher auf die Konzeption und Erklärung (auch Therapie) sexueller Abweichungen ausgerichtet. Insbesondere gleichgeschlechtliche Objektwahlen - und die damit verbundene Fremd- und Selbstdefinition als homosexuell - gerieten in den Blickpunkt der wissenschaftlichen Aufmerksamkeit. Die Herkunft und Entwicklung heterosexueller Begehrensstrukturen erschien demgegenüber nicht weiter erklärungsbedürftig, weil ‚natürlich'.
Tatsächlich muss sich jedoch der Anspruch, die Herkunft und Entwicklung sexueller Objektwahlen nachzuvollziehen, zuallererst mit der Ausbildung des heterosexuellen Begehrens beschäftigen. Eine solche Position hat Sigmund Freud bereits 1905 formuliert. Unter Bezug vor allem auf die Ausbildung der Homosexualität (die er als Inversion bezeichnet) schreibt er
"Die psychoanalytische Forschung widersetzt sich mit aller Entschiedenheit dem Versuche, die Homosexuellen als eine besonders geartete Gruppe von den anderen Menschen abzutrennen. Indem sie auch andere als die manifest kundgegebenen Sexualerregungen studiert, erfährt sie, dass alle Menschen der gleichgeschlechtlichen Objektwahl fähig sind und dieselbe im Unterbewussten vollzogen haben. Ja, die Bindungen libidinöser Gefühle an Personen des gleichen Geschlechts spielen als Faktoren im normalen Seelenleben keine geringere und als Motoren der Erkrankung eine größere Rolle als die, welche dem entgegengesetzten Geschlecht gelten. Der Psychoanalyse erscheint vielmehr die Unabhängigkeit der Objektwahl vom Geschlecht des Objekts, die gleich freie Verfügung über männliche und weibliche Objekte, wie sie im Kindesalter, in primitiven Zuständen und frühhistorischen Zeiten zu beobachten ist, als das Ursprüngliche, aus dem sich nach Einschränkung nach der einen oder anderen Seite der normale wie der Inversionstyp entwickeln. Im Sinne der Psychoanalyse ist also auch das ausschließliche sexuelle Interesse des Mannes für das Weib ein der Aufklärung bedürftiges Problem und keine Selbstverständlichkeit, der eine im Grunde chemische Anziehung zu Grunde zu legen ist. Die Entscheidung über das endgültige Sexualverhalten fällt erst nach der Pubertät und ist das Ergebnis einer noch nicht zu übersehenden Reihe von Faktoren, die teils konstitutioneller, teils aber akzidentieller Natur sind." (Freud 1905 / 1915)
Der Begriff ‚homosexuell' umschreibt einen Bereich von Verhaltensweisen, die sexuelle Erregung und Befriedigung an den Kontakt mit Personen des eigenen Geschlechts bindet. Viele Menschen machen als Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene homoerotische bzw. homosexuelle Erfahrungen. Sie kennen entsprechende Phantasien, Gefühle und Träume. Homo- und Heterosexualität sind keine einander ausschließende Alternativen, sondern sowohl im biographischen Zeitablauf als auch in den sexuellen Verhaltens- und Erlebensweisen oftmals Schwerpunkte eines Kontinuums. Menschen unterscheiden sich nach dem Grad ihrer hetero- oder homosexuellen Betätigung.
Homosexualität ist - ebenso wie Heterosexualität - per se keine Kategorie zur Klassifizierung von Menschen. Empirische Studien weisen darauf hin, dass es ‚den Homosexuellen' oder ‚die Homosexuelle' ebenso wie ‚den' oder ‚die' Heterosexuelle/n als besondere Persönlichkeit nicht gibt. Vielmehr gilt für heterosexuell wie homosexuell aktive Menschen eine große Diversität von Handlungsweisen, Lebensstilen, Mischformen homo- und heterosexueller Betätigung.
Westliche Kulturen forcieren eine strikte Trennung zwischen homosexuell und heterosexuell agierenden Personen. Im Kontext der im 19. Jahrhundert beobachtbaren diskursiven Herausbildung sexueller Identitäten und Persönlichkeiten wurde Homosexualität zu einer eigenständigen Identitäts-Formation; die Kategorie des ‚Homosexuellen' wurde damit begründet (und ausgegrenzt). Homosexualität wurde als Zeichen einer latent pathologischen Persönlichkeit gewertet, die medizinischer, psychiatrischer, psychologischer Behandlung bedurfte oder in anderer Weise sozial zu kontrollieren war (z.B. mit Mitteln des Strafrechts).
Individuen sind seither mehr oder minder gezwungen, sich als hetero- oder homosexuell zu verorten und sich in entsprechender Weise selbst zu identifizieren. Die Mehrzahl aller Menschen erlebt sich dementsprechend als eindeutig heterosexuell oder als eindeutig homosexuell. Damit verbunden haben sich auch spezifische lebensweltliche Formationen ausgebildet. Der alles durchdringenden heterosexuellen Alltagskultur haben homosexuell aktive Menschen subkulturelle Milieus und Verhaltensweisen entgegengestellt.
Lebensweisen, die den normativen Rahmen von Heterosexualität durchbrechen, gelten als abweichend. Sie werden als fremd oder bedrohlich wahrgenommen und in entsprechender Weise gesellschaftlich sanktioniert.
Einerseits waren und sind damit Prozesse der Ausgrenzung und Stigmatisierung homosexuell aktiver Menschen verbunden. Von den nachteiligen Auswirkungen einer subtil bis offen homophoben Gesellschaft sind Homosexuelle bis heute alltäglich betroffen. Im allgemeinen können sie in ihrem sozialen Umfeld nicht selbstverständlich zu ihrer sexuellen Orientierung stehen; sie sind vielmehr beständig durch Ablehnungen, Diskriminierungen, dem Verlust von beruflichen oder anderen Privilegien, sozialen Ausschließungen und darüber hinausgehend auch durch konkrete Formen psychischer und physischer Gewalt bedroht.
Andererseits erobern sich heute ‚Schwule' und ‚Lesben' offensiv ihre Anerkennung und einen Platz in gesellschaftlichen Strukturen. Seit sie sich organisiert haben und öffentlich auftreten, sind sie zu einer relativ anerkannten gesellschaftlichen Gruppierung geworden, die nicht per se als behandlungsbedürftig eingeschätzt wird. Die subkulturelle Formierung und das selbstbewusste Auftreten homosexueller Menschen haben zu einem öffentlichen Verständnis der Ausweitung sexueller Lebensstile beigetragen.

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