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Mein Herz ist so schwarz
Ein Gespräch mit Andrew Solomon, der die dunklen
Welten der Depression erforscht hat. (Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 15. Januar
2002 )
Im November 2001 wurde Andrew Solomon für sein
Buch "Saturns Schatten. Die dunklen Welten der Depression"
der National Book Award in der Kategorie Sachbuch verliehen. "Saturns
Schatten" gilt als eines der besten Bücher zum Thema.
Solomon, der selbst unter der Krankheit leidet, hat seine eigenen
Erlebnisse mit den neuesten Erkenntnissen aus Psychologie, Medizin,
Soziologie und Geschichte verknüpft und so ein Gesamtbild des
Phänomens geschaffen. Mit Andrew Solomon, der in New York lebt,
sprach Adrian Kreye.
SZ: Mister Solomon, wie war es bei
der Preisverleihung der National Book Awards ?
Andrew Solomon: Unerträglich
spannend. Alle Nominierten werden zu einem Dinner geladen. Das muß
man erst einmal durchstehen. Dann wird auf jeden der Kandidaten
eine Laudatio gehalten, und erst danach wird bekannt gegeben, wer
gewonnen hat.
SZ: Jonathan Frantzen, der Preisträger
in der Kategorie Literatur, behandelt in seinem Roman "The
Corrections" eigentlich ein ganz ähnliches Thema wie Sie.
Warum sind Depressionen gerade jetzt ein Thema ?
Solomon: Meiner Meinung liegt das
daran, dass die Krankheit eher als solche erkannt wird. Es gibt
mehr Informationen darüber als noch vor zehn Jahren. Außerdem
hat die Pharmaindustrie auf diesem Gebiet enorme Fortschritte gemacht.
Die Möglichkeiten einer Behandlung sind also viel besser geworden.
SZ: Aber gerade Psychopharmaka sind
doch sehr vom Stigma behaftet.
Solomon: Das ist genauso wie mit
den Erkenntnissen von Galilei. Damals wollte man nicht einsehen,
dass wir nicht der Mittelpunkt des Universums sind. Heute mag man
nicht wahrhaben, dass unser Gehirn manipulierbar ist. Dass es vielleicht
eine Seele, eine Persönlichkeit, einen Charakter gibt, aber
dass es sich doch um chemische Vorgänge handelt, die auch chemisch
beeinflußbar sind.
SZ: Dann reicht es eine Pille zu
schlucken, und alles wird gut?
Solomon: Oh nein, keineswegs. Depression
ist nur der Sammelbegriff für eine Vielzahl von Krankheitsformen.
Da spielt die Chemie eine Rolle, aber auch die Prägung durch
das soziale Umfeld, die Familie. Wir wissen bis heute nicht genau,
was Depressionen eigentlich sind. Es bleibt eine unheilbare Krankheit.
Was bei dem einen wirkt, mag für den anderen ganz falsch sein.
Der eine braucht in erster Linie Gesprächstherapie, der andere
Medikamente. Ich glaube, prinzipiell sind wir alle dazu prädestiniert,
Depressionen zu bekommen, nur liegt die Reizschwelle bei jedem anders.
SZ: Depressionen scheinen vor allem
in westlichen Kulturen eine Volkskrankeit zu sein. Können andere
Kulturen besser damit umgehen ?
Solomon: Keineswegs. Untersuchungen
haben ergeben, dass es in allen Kulturen Depressionen gibt. Nur
das Bewußtsein ist in wohlhabenden Ländern höher.
Wenn man um sein Überleben kämpfen muß, nimmt man
emotionale Tiefs eher hin, weil man eben glaubt, dass das zum allgemein
schlechten Zustand gehört.
SZ: Dann werden Depressionen in
medizinisch nicht so gut versorgten Kulturen gar nicht erkannt ?
Solomon: Oh doch. Bei Naturvölkern
gibt es Therapien gegen die Depression. Im Senegal habe ich beim
Stamm der Lebou eine Zeremonie für Geisteskrankheiten mitgemacht.
Da musste ich mich erst ausziehen, dann wurde ich auf einem Dorfplatz
mit einem toten Ziegenbock unter Decken gelegt. Das ganze Dorf begann
zu trommeln und zu singen, bestimmt hundert Leute tanzten um mich
herum. Dann zogen sie plötzlich die Decken weg, ich musste
aufstehen, irgendjemand riß mir den Lendenschutz vom Leib,
ein anderer schlitzte die Ziege auf, und alle schmierten mich mit
dem Blut ein.
SZ: Das klingt ja beängstigend.
Ist so ein Ritual nicht eher kontraproduktiv ?
Solomon: Im Gegenteil. Mit dem Tanz
zeigt die Gemeinde dem Patienten, dass alle die Krankheit als negative
Kraft von außen erkennen und nicht als persönliche Schwäche
sehen. Wenn sie den Patienten dann mit dem Blut einschmieren, dann
ist das ein körperlicher Kontakt, der therapeutisch sehr wertvoll
ist.
SZ: In Europa werden Depressionen
gerne mit dem Euphemismus der Melancholie beschrieben, und es heißt,
dass sie die Kreativität beflügeln können.
Solomon: Richtige Depressionen beflügeln
überhaupt nichts. Ich glaube auch nicht, dass es für die
schriftstellerische Arbeit förderlich ist, wenn man nicht aus
dem Bett kommt und sich nicht einmal die Schuhe zubinden kann. Schriftsteller
leiden aber häufiger unter Depressionen, weil sie von Natur
aus damit beschäftigt sind, sich andauernd über sich und
die Welt Gedanken zu machen und alles in Frage zu stellen. Man kann
seine Depression natürlich nutzen, aber eher nach dem Abklingen
der Krankheit.
SZ: War denn die Arbeit an ihrem
Buch ein karthartisches Erlebnis ?
Solomon: Nein. Es war keine erlösende
Erfahrung. Es war sogar äußerst unangenehm, das alles
noch einmal zu verarbeiten. Aber ich wollte ein Buch schreiben,
von dem ich das Gefühl hatte, dass es dies so noch nicht gibt.
Es gibt natürlich ganz hervorragende Werke zum Thema Depression.
Zu den medizinischen und den psychologischen Aspekten. Es gibt literarische
Verarbeitungen der Krankheit, Erfahrungsberichte. Aber es gab eben
kein Buch, das all diese Formen und Erkenntnisse vereinte.
SZ: Das klingt nach Sendungsbewußtsein.
Sind Sie jetzt als National-Book-Award-Preisträger in den (amerikanischen)
Medien der inoffizielle Spezialist zum Thema ?
Solomon: Ich wurde in Fernsehsendungen
eingeladen und ich werde auch oft gefragt, ob ich Artikel zum Thema
schreiben will. Allerdings möchte ich mich jetzt nicht auf
Jahre festlegen. Wenn ich ein Buch abgeschlossen habe, glaube ich
alles zum Thema gesagt zu haben. Und dann suche ich nach einem neuen
Thema. Als nächstes werde ich ein Buch über das Gedächtnis
schreiben. Nachdem ich mich bei meiner Arbeit an "Noonday Demon"
ja viel mit dem menschlichen Gehirn beschäftigen musste, hilft
mir das natürlich sehr.
SZ: Dann ist das Thema Depressionen
abgeschlossen ?
Solomon: Nein. Ich werde auch die
weiteren Entwicklungen verfolgen. Ich will nur nicht als Experte
enden. Im Moment verhandle ich mit mehreren Zeitschriften, weil
ich nach Afghanistan will, um dort einen Artikel über die geistige
Gesundheit zu recherchieren. Da leidet ein ganzes Land unter Trauma.
SZ: Das ist sicherlich ein Thema,
das von der Völkergemeinschaft vernachlässigt wird.
Solomon: Dabei ist es gerade in
solchen Ländern wichtig, daran zu arbeiten. Das gehört
genauso zu diesem Prinzip, einem Hungernden keinen Fisch zu geben,
sondern ihm beizubringen, einen zu fangen,damit er sich ernähren
kann. Wenn jemand Depressionen hat, dann schafft er es ja nicht
einmal bis zum Boot.
SZ: Aber Ihnen geht es im Moment
gut ?
Solomon: Depressionen sind nicht
heilbar. Aber man kann an den Punkt kommen, an dem man die Krankheit
kontrollieren kann. Ja, ich habe sie inzwischen ganz gut im Griff.
Aber ich weiß genau, dass sie jederzeit wiederkommen kann.

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