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"Anweisung für einen Abstieg zur Hölle"
Sie sind freudlos, schwermütig und leicht zu
ermüden: Andrew Solomon beschreibt die Volkskrankheit Depression
von Robert Jütte (SZ vom 10.10.2001)
Wer nicht an sich selbst
gespürt hat, was Schwermut ist, versteht das nicht. Wie soll
ich es beschreiben? Es ist das Gefühl einer schauerlichen Einsamkeit.
Zwischen mir und den Menschen und dem Leben der Stadt, der Plätze,
Häuser und Straßen war fortwährend eine breite Kluft.“
– Eine Selbsterfahrung, wie diese, die Hermann Hesse in seiner
Erzählung „Peter Camenzind“ beschrieb, ist nicht
unbedingt erforderlich, um ein Buch über ein weit verbreitetes
psychisches Leiden zu schreiben. Doch ohne selbst diese Erfahrung
gemacht zu haben, hätte Andrew Solomon, ein junger amerikanischer
Journalist, wohl kaum einen fast 600 Seiten starken Wälzer
über eine Volkskrankheit geschrieben, für die sich inzwischen
die Bezeichnung Depression eingebürgert hat.
Als Solomon 25 Jahre alt war, beging seine Mutter
Selbstmord, da sie an einem unheilbaren Eierstockkrebs litt. Das
war für den aufstrebenden jungen Autor ein Schock. Er begab
sich bei einer Psychoanalytikerin in Behandlung. Als dann auch noch
die Beziehung zu einer Frau scheiterte, geriet er immer tiefer in
eine psychische Krise. Seine Depressionen nahmen zu und wurden schwerer.
Er bekam Antidepressiva verordnet. Er litt unter den Nebenwirkungen,
wechselte die Medikation. Auf Phasen der relativen Normalität
folgten Zusammenbrüche. Auch ein bizarrer Selbstmordversuch
fehlt nicht in dieser Krankengeschichte.
Irgendwann beschloss Solomon, seine Krankheit nicht
länger zu verheimlichen. Er schrieb einen aufrüttelnden
Artikel für die Zeitschrift „New Yorker“ und erhielt
darauf eine Fülle von Leserzuschriften.
So entstand die Idee, ein Buch zu schreiben, das
Verständnis für diejenigen wecken soll, die unter Depressionen
leiden und deren Krankheit häufig nicht erkannt oder falsch
therapiert wird. Ähnlich wie der englische Schriftsteller Edward
Young in seinen epischem Gedicht „Die Klage oder Nachtgedanken
über Leben, Tod und Unsterblichkeit“ (1742/45) eine poetische
„Weltkarte der Melancholie“ entwirft, liefert uns Andrew
Solomon eine Art populärwissenschaftlichen Handatlas einer
Krankheit, der eine Antwort auf alles das gibt, was man schon immer
über Depression wissen wollten und nie zu fragen wagte.
Die wissenschaftlichen Fakten sind eingebettet in
eine Fülle von Krankengeschichten, die das Buch für eine
breite Leserschaft interessant machen. Am eindrucksvollsten ist
die Schilderung seiner Begegnung mit der bereits für den Friedensnobelpreis
vorgeschlagenen Phyla Nuon, die in Kambodscha, in dem Millionen
von Menschen durch einen furchtbaren Bürgerkrieg verarmt und
traumatisiert wurden, ein Zentrum für depressive Frauen ins
Leben gerufen hat und deren humanitärer Einsatz durch ihre
Lebens- und Leidensgeschichte motiviert ist.
Depression ist ein weltweites Phänomen. Man
schätzt, dass über 100 Millionen Menschen auf der ganzen
Erde davon betroffen sind und jährlich mehr als 800000 Neuerkrankungen
hinzukommen. In Deutschland erkranken nach Angaben des Max-Planck-Instituts
für Psychiatrie etwa 4,4 Prozent der Männer und 13,5 Prozent
der Frauen an einer Depression. Oft wird diese Volkskrankheit zunächst
nicht erkannt. Neuere Studien belegen, dass fast die Hälfte
aller Patienten, die entsprechende Symptome aufweisen, von Allgemeinärzten
und Internisten ein falsche Diagnose bekommen.
Beute der Melancholie
Dabei gibt es eine verbindliche Definition des Krankheitsbildes.
Bei der Depression handelt es sich nach der International Classification
of Diseases um eine psychische Störung, deren Hauptsymptome
Interessen- und Freudlosigkeit, gedrückte Stimmung und rasche
Ermüdbarkeit sind, die mindestens zwei Wochen anhält und
außerdem mit Symptomen wie Konzentrations- und Schlafstörungen,
Appetitmangel oder Unruhe einhergeht. Nach der Zahl der Haupt- und
Nebensymptome wird eine Depression als leicht, mittel oder schwer
eingestuft. Wie Solomons eigene Krankengeschichte und die von ihm
gesammelten Fallberichte deutlich machen, ist aber in der Praxis
das Krankheitsbild sehr individuell ausgeprägt.
Das macht es schwer, gleich die entsprechende Diagnose
zu stellen, zumal die Betroffenen bemüht sind, ihre Depression
so lange wie möglich zu verheimlichen.
Trotz unzähliger Definitionsversuche durch Ärzte und Psychiater
hat der Begriff Depression nichts von seiner Schwammigkeit verloren.
Der bekannte deutsche Nervenarzt Wilhelm Griesinger (1817-1868)
war entgegen der Meinung Solomons nicht der erste, der den Begriff
Depression in die wissenschaftliche Literatur einführte.
Bereits Johann Christian August Heinroth (1773-1843)
sprach von Depressionen, die er zur sogenannten „Asthenie“
(Kraftlosigkeit) rechnete und den „Exaltationen“ gegenüberstellte.
Überhaupt trägt die Geschichte der Depression oder der
Melancholie, wie man sie früher zumeist nannte, einiges zur
Erhellung heutiger Umgangsweisen mit dieser Krankheit bei.
Was Solomon an historischen Belegen zusammenträgt,
ist beachtlich und kurzweilig zu lesen. Leider kennt er nicht die
materialreiche Arbeit des vor einigen Jahren verstorbenen deutschen
Psychiaters Hubertus Tellenbach über die Melancholie, wie überhaupt
die Ignoranz gegenüber nicht-englischer Literatur einmal mehr
bei einem amerikanischen Autor zu bedauern ist.
Solomon wollte mehr als nur eine Medizin- und Kulturgeschichte der
Depression und ihrer Behandlung schreiben. Er gibt zu, dass das
Schreiben für ihn eine Art Therapie war.
Davon sollen andere Leidensgenossen profitieren.
Daher enthält dieses Buch eine Fülle von therapeutischen
Ratschlägen. Der Autor schildert seine Erfahrungen mit unterschiedlichen
Antidepressiva und geht auf das vielfältige Angebot alternativer
Therapien (durchaus kritisch) ein. Das Buch endet mit dem Hinweis,
dass die Medizin den Betroffenen nur einen Weg zeigen kann, wie
sie sich selbst wieder aus den Sumpf zu ziehen vermögen. Auch
gebe es mehr als nur eine wirksame Therapie.
Gegen den dualistischen Rationalismus von Ärzten
und Psychiatern hat bereits Doris Lessing in ihrem Psycho-Roman
„Anweisung für einen Abstieg zur Hölle“ (1971)
vehement Stellung genommen.

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