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"So will ich nicht weiterleben" Hilfe für schwule und bisexuelle Männer mit psychischen Problemen
Interview: Bernd Müller, in: Sergej 03/2005
Wer sich vom schönen Schein der schwulen Szene nicht blenden lässt, findet dort auch sie: Schwule und bisexuelle Männer, die mit psychischen Problemen zu kämpfen haben. Bernd Müller war einen Abend lang zu Gast bei Community e.V., der Münchner Selbsthilfegruppe für psychisch kranke und psychiatrie-erfahrene Männer.
Eine niederländische Studie aus dem Jahr 2001 (NEMESIS-Studie) kommt zu einem interessanten Ergebnis: Homosexuelle Männer leiden deutlich stärker an Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen als ihre heterosexuellen Kollegen. Ursachen können kindliche traumatische Erlebnisse sein - aber auch der Druck, als Abweichler von der gesellschaftlichen Norm aufzuwachsen und zu leben. Natürlich ist nicht eine Mehrheit der Szene davon betroffen - dennoch trifft es vielleicht mehr, als uns bewusst ist.
Homosexuelle Männer und Frauen mit psychischen Störungen: Ein Thema, mit dem die Betroffenen nur schwer und kaum offen umgehen können. Der Münchner Diplom-Sozialpädagoge Klaus Rascher hat 1999 eine Selbsthilfegruppe für schwule und bisexuelle Männer gegründet.
Drei Mitglieder der Gruppe haben offen über ihre Probleme und Erfahrungen berichtet.
Martin (35) ist Angestellter und leidet seit seiner frühen Kindheit unter Angst- und Panikattacken. Sein Alltagsleben wurde durch die Krankheit so eingeschränkt, dass er freiwillig in die Psychiatrie ging.
Gerhard (38) ist selbständig und hat psychische Probleme genereller Art. Gerhard ist seit acht Jahren Lebenspartner von Martin.
Peter (49) ist städtischer Angestellter ist depressiv und leidet an Panikanfällen und Kontrollzwängen. Peter ist seit Mai 1979 in Behandlung.
Wie bestimmt die Krankheit euer Alltagsleben?
Martin: Bei mir beherrscht die Krankheit mein ganzes Leben. Ich bin seit über einem Jahr krank geschrieben. Das empfinde ich als gut, denn ich muss mich mit meiner Krankheit beschäftigen, um die Ursachen rauszukriegen. Psychisch krank ist man ja nicht von heute auf morgen, das entwickelt sich. Ich kann nicht arbeiten, weil ich zu unkonzentriert und nervös bin. So will ich nicht weiterleben.
Wie sieht der Alltag mit der Krankheit aus?
Martin: Ich nehme Betablocker (Blutdruck senkende Mittel, die Red.), aber keine Medikamente. Ich versuche viel zu lesen und zu schreiben, bin aber immer noch etwa zwei Stunden pro Tag mit meinem Zwangsgedanken beschäftigt - vor eineinhalb Jahren beherrschten diese Gedanken noch den ganzen Tag. Ich habe mittlerweile gelernt, diese Zwanghandlungen durch sinnvolle Arbeit zu ersetzen.
Gerhard: Martin hatte eine Zeit, in der er acht Stunden am Tag geputzt hat. Er hatte Angst vor dem Schlafengehen und den Lichtschalter 20 Mal an- und ausgemacht. Er kann nicht im normalen Sinne zur Arbeit gehen, weil er durch den Job seine Problemen nur verdrängen würde.
Peter: Ich arbeite ganztags als städtischer Angestellter. Meistens schaffe ich es nicht pünktlich zum Arbeitsplatz: Wenn ich aus der Wohnung gehe, muss ich immer wieder checken, ob auch alle Schalter alle aus sind. Die Kollegen und Chefs tolerieren die 15-20 Minuten, denn sie wissen, dass ich in Behandlung bin. Mein Leben wird durch die Krankheit natürlich beeinflusst, aber ich komme zurecht.
Wann kam der Zeitpunkt, an dem ihr erstmals Hilfe gesucht habt?
Martin: Vor einem Jahr bin ich mit Herzinfarktsymptomen eingeliefert worden, weil sich der Körper so gegen meine psychischen Symptome gewehrt hat. Ich war freiwillig in der Psychiatrie, musste auch keine Medikamente nehmen.
Peter: Als ich mein Chemiestudium 1979 nicht geschafft hatte, ging es los. Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren und hatte Zwangsgedanken: So musste ich zum Beispiel immer an das Stadtbild von Leningrad denken, wo ich einmal einen Urlaub verbracht hatte. Meine Eltern haben mich zum Psychologen geschickt, der zum Psychiater, der schließlich in die Nervenklinik. Heute habe ich das nicht mehr, leide aber unter Kontroll- und Wiederholungszwängen.
Wie konnte man dir helfen?
Martin: Ich habe verschiedene Therapieformen (Beschäftigungstherapie, Selbsterfahrung, etc.) gemacht, um den Ursachen auf den Grund zu gehen. In der Therapie werden allerdings nur die Symptome behandelt. Sie soll erreichen, dass du draußen ein für dich befriedigendes Leben führen kannst.
Gerhard: Bei Martin war es schwierig, die Krankheit überhaupt festzustellen. Er hat immer andere Symptome vorgeschoben oder war immer aktiv unterwegs - was aber ein typisches Ablenkungsverhalten war.
Peter, wie sah deine Behandlung Ende der 70er-Jahre aus?
Peter: Im Sommer ´79 bekam ich Psychopharmaka in der Psychiatrie. Seit dieser Zeit bekomme ich jede Woche die IMAP-Spritze (Neuroleptika gegen Depressionen). Wenn ich die weglassen, werde ich unsicher, depressiv und kann nicht mehr klar denken, schlafe und fühle mich schlecht.
Hat sich nach über 25 Jahren deine Behandlung geändert?
Peter: Es war immer für alles gesorgt - früher wie heute. Ich hatte Vertrauen zu Ärzten und Personal und habe mich dort immer wohl gefühlt. Ein Nachteil aus meinem Schwulsein ist mir in dieser ganzen Zeit in den Kliniken. nicht entstanden.
Welche Erfahrungen habt ihr im Umgang mit Ärzten gemacht?
Martin: Zunächst hatte ich Angst vor der Behandlung und hatte meinem Gerhard alle Vollmachten gegeben, weil ich alles mögliche befürchtete. Aber ich habe sehr gute Erfahrungen gemacht, sowohl in der Psychiatrie als auch mit den Ärzten. Ich konnte auch mein schwules Leben führen: In der Einrichtung hatte ich eine Sonderstellung - mein Freund durfte mich auch außerhalb der Besuchszeiten auf meinem Zimmer besuchen. Das war eine therapeutische Maßnahme.
Peter: Ich bin sehr arztgläubig, und habe fast schon ein zu großes Vertrauen. Damit bin ich auch schon mal reingefallen, als mir im Frühjahr 1983 ein Arzt ein anderes Mittel verabreicht hatte. Das hatte zur Folge, dass es mir immer schlechter ging und ich eines Tages am Arbeitsplatz durchgedreht bin. Darauf kam ich ins psychiatrische Krankenhaus Haar (bei München) und hatte zwei Monate lang schwere Angstzustände. Jenes Medikament ist übrigens mittlerweile verboten.
Hat man als schwuler Mann hat man mehr Berührungsängste einer psychiatrischen Einrichtung gegenüber?
Martin: Es hat sich ja sehr viel geändert. Das alte Bild von der geschlossenen Anstalt, in der man durch Medikamente ruhig gestellt wird, habe ich jedenfalls nie erlebt. Auch als offen schwuler Mann wird man in der Psychiatrie nach meiner Erfahrung ganz normal behandelt
Kennt ihr andere Fälle?
Martin: Ja, es gibt katastrophale Erfahrungen. Gerade wenn Patienten auch noch HIV-positiv sind, stoßen sie auch mal auf Ablehnung und falsche Behandlung, Ausgrenzung und Isolierung. Ich habe auch von Kliniken gehört, in denen schwules Personal nicht eingestellt würde oder den Patienten gesagt wird, sie sollten besser nicht offen dazu stehen. Aber die Mehrheit der Kliniken verhält sich tolerant.
Wie sieht euer soziales Umfeld aus?
Peter: Hier in München ist es nicht schwierig, Kontakte zu knüpfen und bin meinen sozialen Kontakten zufrieden.
Martin: Gerhard und ich leben nicht in München, sondern auf in einem Dorf. Seit die Krankheit behandelt wird, ist unser Bekanntenkreis größer geworden. Nicht zuletzt habe ich durch diese Gruppe Abwechslung gefunden. Zu den Hochzeiten der Krankheit habe ich mich zu Hause versteckt und bin nicht mal mehr einkaufen gewesen.
Habt ihr Kontakt zur schwulen Szene?
Martin: Ja, klar. Wir sind jedes Wochenende unterwegs und kennen die meisten Kneipenbesitzer, von denen auch viele von unserer Krankheit wissen. Das Netzwerk der Szene ist sehr befreiend für einen psychisch Kranken, der sich selbst schon überall ausgrenzt.
Gerhard: Wenn wir neue Leute kenne lernen, ist das erstmal kein Thema. Wenn aber nachgefragt wird, dann erzähle ich das ohne Probleme. Dabei gibt es mehr positive Reaktionen als negative. Viele erzählen dann auch von ihren eigenen Problemen.
Was erwartet ihr euch für die Zukunft?
Peter: Ich mache mir Sorgen, weil ich es irgendwann beruflich vielleicht nicht mehr schaffe und früh in Rente gehen muss. Dazu kommt dann auch eine finanzielle Unsicherheit. Allerdings habe ich keine Angst vor Zeit, die man nicht ausfüllen kann: ich interessiere mich für Russland und bin Mitglied in verschiedenen Gruppen und Gesellschaften.
Martin: Für mich kann es nur noch besser werden. Keiner kann mir sagen, wie lange es dauern wird, in ein normales Leben zurück zu kehren. Das ist schon bedrückend.
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