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Bemerkungen über die kulturelle Konstruktion "Sex = Natur" (1998)

von Christiane Schmerl
Die Sexualwissenschaft - die auf die gleiche Entstehungszeit wie die akademische Psychologie Ende des 19. Jahrhunderts zurückgeht - sah in ihren Anfängen menschliche Sexualität, genauer gesagt männliche Sexualität, als einen analog zum Tierreich funktionierenden biologischen Instinkt an. Ihr aufklärerisches Interesse richtete sich darauf, mit naturwissenschaftlichen Methoden Abweichungen dieses "Triebs" vom Normalfall als krank oder angeboren zu erklären, um sie aus dem Bereich von Verbrechen und Sünde zu befreien; ein Anliegen, das insbesondere für den Bereich männlicher Homosexualität einen ersten Schritt weg von Kriminalisierung und moralischer Verdammnis bedeutete.
Die vorherrschende Auffassung vom reinen Reproduktionszweck männlicher Sexualität und seiner Triebhaftigkeit wurde dadurch aber nicht problematisiert, sondern vielmehr "wissenschaftlich" untermauert.
Die Verdienste von Autoren der zweiten Generation von Sexualwissenschaftlern sind bekannt: Kinsey hat als erster strikt jegliche moralische Wertung der von ihm registrierten Verhaltensweisen abgelehnt - für ihn war das ganze Spektrum menschlicher Sexualität wichtig, und er hat sexuelle Praktiken und Präferenzen, die vom heterosexuellen, monogamen Idealfall der gesellschaftlichen Norm abwichen, erstmals in ihrer unbekannten Breite sichtbar und diskutierbar gemacht. Masters und Johnson haben aus den Erregungskurven der von ihnen im Labor untersuchten Frauen und Männer ein physiologisches Modell menschlicher Sexualität entwickelt, das erstmals mit den verbreiteten Mythen über weibliche Sexualität aufräumte und das mit der Vorstellung vom fundamentalen Schisma zwischen männlicher und weiblicher Sexualität brach.
Interessant sind hier ausnahmsweise nicht die Verdienste dieser beiden Forschergruppen für die sexuelle Aufklärung der westlichen Gesellschaften, sondern einige ihrer Vorannahmen und Definitionen über die Natur menschlicher Sexualität. Beide gingen von der Existenz eines mächtigen instinktiven Sexualtriebs aus, der dem Menschen angeboren sei und der sich ausleben müsse; beide definierten menschliche Sexualität als rein körperlich-physiologisches Phänomen, das durch eindeutige, biologische und physiologische Kriterien festgelegt und definierbar sei: Erektionen, Tumeszenen, Lubrikikationen, Kontraktionen, Ejakulationen etc. etc. Die Ausführungen beider Forschergruppen lassen keine Zweifel daran, dass dieser menschliche Trieb nach dem Muster männlicher Sexualität konzipiert ist und dass er im Grunde seiner biologisch gesehenen Natur auf Heterosexualität und Reproduktion angelegt ist.
Anfang der 1970er Jahre entwickelten Simon und Gagnon aufgrund ihrer Forschungen das Modell des "sexuellen Scripts" - also des sexuellen Drehbuchs/Dramas/ Theaterstücks - , das in den Köpfen der menschlichen Akteure überhaupt erst durch Interaktion von Vorbildern und Erfahrungen entwickelt werden muss, um grundsätzlich Erwartungen, Vorstellungen und Interpretationen aufbauen und differenzieren zu können über das was sexuelle Gefühle und Handlungen sind. Sie gehen davon aus, dass menschliche Sexualität in allen ihren möglichen individuellen Ausformungen gelernt werden muss und dem Menschen nicht als Verhaltens-, Gefühls- und Deutungsmuster angeboren ist. Angeboren ist die Ausstattung mit bestimmten Genitalien und der Möglichkeit zu körperlichen Aktionen, Reaktionen und Reflexen.
Wie sie genutzt werden, wie sie sich im Laufe einer kindlichen und jugendlichen Biographie zu bestimmten bevorzugten und subjektiv erfolgreichen Verhaltensweisen und Präferenzen entwickeln, ist durch kulturelle Angebote und Unterlassungen, durch Übernahme, Ausbau und Ablehnung von passenden oder unpassenden Deutungsmustern bestimmt und durch die aktive Verarbeitung eigener Erfahrungen - oder auch durch das Ausblenden und Unterdrücken von Erfahrungen.
Im Gegensatz zu Kinsey und zu Masters und Johnson sehen Simon und Gagnon Sexualität nicht als einen universellen Trieb oder Instinkt an, der sich Bahn brechen oder abreagieren muss, sondern das durch kulturelle Metaphern und "Drehbücher" erzeugt wird und durch Situationen und Interaktionen zur individuellen Realisierung gelangt - die natürlich höchst konventionell sein kann. Für Simon und Gagnon gibt es keinen vorprogrammierten sexuellen Instinkt, der entdeckt und ausgelebt werden muss, und ebenso keine universelle naturhafte Essenz der Sexualität. In ihren Augen ist Sexualität ein Bedürfnis, das eher entwickelt als kontrolliert werden muss - eine Art Kontingent, das von der eigenen Lebensführung abhängt und nicht von einer unausweichlichen Energie angetrieben wird. Nach dieser Auffassung wäre menschliche Sexualität, und damit auch männliche Heterosexualität, also nicht zwang- und triebhaft auf biologische Reproduktion aus, sondern eine eigenständige soziale und kulturelle Veranstaltung, die - das Wort sagt es schon - der Kultivierung geradezu bedarf, und die eigenständige soziale Zwecke verfolgt, z.B. die der zwischenmenschlichen Attraktivität und Aufmerksamkeit, zur Festigung der Gemeinschaft durch geteilte Freuden und geteilte Manieren.
Diese grundsätzlich andere Sichtweise auf menschlich/männliche Sexualität als eines von Zeitepoche, von individueller Lebensgeschichte und von der jeweiligen Geschlechterrolle erzeugten Verhaltens ist zwar ab Anfang der 70er Jahre in den Sexualwissenschaften als Diskussionsstrang präsent, wurde aber gerade von vielen "linken" Sexologen abgelehnt oder ignoriert, die in der Sexualität - auch im Zuge einer modischen Freud- und Reich-Renaissance - lieber eine universelle Naturressource sehen wollten, die durch gesellschaftliche Zwänge allzu lange unterdrückt worden sei, und die es durch "Ausleben" zu befreien gälte. Obwohl tatsächlich in allen modernen Gesellschaften sexuelle Betätigung mehr oder weniger tabuisiert oder eingeschränkt sind, bleibt diese Sichtweise einem klassischen Dampftopfmodell verhaftet, das auf einschlägige Reize, kontinuierlichen Energienachschub und auf regelmäßige Entladung baut.
Sexualforscher aus dem konstruktivistischen Lager haben darauf hingewiesen, dass ein solches Idealmodell sexueller "Gesundheit" nicht nur ziemlich einseitig nach der Norm männlicher Sexualität konzipiert ist, an dem emanzipierte Frauen sich ebenfalls zu messen haben, sondern dass dieses physiologische "Natur"-Modell menschlicher Sexualität eine kulturelle Phantasie par excellence ist, eine soziale Erfindung, die sich mittlerweile in alle Bereiche erstreckt, nicht nur in die wissenschaftlichen Definitionen der Sexualmedizin als einer rein anatomisch-physiologischen Disziplin, sondern auch in die Alltagskultur von Spiel- und Action-Filmen, in die Hoch- und Trivialliteratur, in Musikvideos, Aufklärungsbücher, Ehe-Handbücher und Sexualtherapiesitzungen.
Während von den klassischen Pionieren der Sexualwissenschaften über die Berufsrebellen der sexuellen Revolution bis zum heutigen Medien- und Kommerzkartell in Sachen Sex und Fun die Sichtweise einer starken aggressiven, reizbaren und vor allem gesunden Phallusautomatik als Natur pur favorisiert wird, ist der seit Simon und Gagnon, Foucault und einigen aufgeklärten männlichen Autoren und Sexologen stetig, aber spärlich dahinplätschernde Diskurs über die historische und kulturelle Bedingtheit sexueller Gefühle und Verhaltensweisen nur einer interessierten Minderheit zugänglich und findet keinerlei vergleichbare öffentliche Inszenierung und Resonanz.

Dieser Text ist eine stark gekürzte Leseprobe aus "Phallus in Wonderland" von Christiane Schmerl, Eröffnungsvortrag auf dem Kongress für Klinische Psychologie und Psychotherapie, Berlin, 15.2.1998.

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