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Von der Krankheit Homosexualität zum Krankheitsrisiko Homosexualität
Von Dr. Günther Reisbeck, Dipl. Psychologe, Psychotherapeut

>> Vortrag auf der Fachtagung "gleich - ganz -anders" im März 2006 in München >>

In Medizin (besonders in der Psychiatrie) und Psychologie galt Homosexualität lange als psychische Krankheit. Hierzu wurden in diesen Wissenschaften zahlreiche, teilweise bizarre Theorien entwickelt und die Praktiker aus beiden Disziplinen orientierten sich entsprechend daran. Heute sind die Pathologiemodelle der Homosexualität weitgehend aus der Wissenschaft verschwunden, was nicht heißt, dass viele Ärzte, Psychotherapeuten und andere Angehörige des medizinisch-psychosozialen Versorgungssystems nicht immer noch die pathologisierenden Konzepte der Homosexualität ihrem beruflichen Handeln zugrunde legen
Anders als im klassischen Pathologiekonzept wurde in der fachlichen Diskussion der letzten Jahrzehnte zum Thema ausführlich dargelegt, dass nicht die Homosexualität eine Krankheit darstellt, sondern dass homosexuelle Menschen im Laufe ihres Lebens zahlreichen krankmachenden Belastungsfaktoren, die der antihomosexuellen Einstellung einer homophoben Umwelt entspringen, ausgesetzt sind: Vom schlichten Heterosexismus (also der dauernd und überall geltenden gesellschaftlichen Annahme, dass Heterosexualität die normale und bessere Lebensform ist) über institutionelle Benachteiligungen (etwa im Recht) bis zur offenen Gewalt gegen Lesben und Schwule.
Homosexualität ist in dieser heute in Fachkreisen vorherrschenden Betrachtungsweise also keine Krankheit mehr, sie stellt aber ein spezifisches Krankheitsrisiko dar. Dies haben inzwischen auch zahlreiche Untersuchungen zur Prävalenz von psychischen Störungen bei Lesben und Schwulen nachgewiesen.
Die prähomosexuelle Phase als Krankheitsrisiko
Im Anklang an die Ansichten von R. Isay (1989) wird bei psychoanalytisch orientierten Autoren ( Reiche 2000, Dannecker 2000, Ermann 2005) davon ausgegangen, dass die männliche Homosexualität in der Regel bereits frühkindlich festgelegt ist und daher schon in dieser "prähomosexuellen Phase", also lange vor dem sich erst in und nach der Pubertät ausbildenden manifesten Schwulsein zu Besonderheiten im Erleben, im Handeln und vor allem in der Interaktion mit der frühkindlichen Umwelt des latent schwulen Kindes führt. Vereinfacht gesagt können diese Besonderheiten ein frühes Morbiditätsrisiko für die psychische Gesundheit des späteren Erwachsenen darstellen.
Reiche betont, dass sich die sexuelle Orientierung parallel zur Geschlechtidentität frühkindlich ausbildet. Insofern ist die (spätere) Homosexualität kein (krankhaftes) Abwehrphänomen, wie lange in der Psychoanalyse behauptet, sondern von Anfang an ein "autonomes Element der psychischen Organisation". Allerdings sieht Reiche in der Ausbildung einer homosexuellen Entwicklung ein "Missverstehen" eines elterlichen Auftrags durch das Kind. Da Eltern sich in der Regel kein homosexuelles Kind wünschen, muss die elterliche Botschaft an das Kind, die sowohl die Geschlechtsidentität als auch die sexuelle Orientierung festlegt, vom späteren Homosexuellen "missverstanden" worden sein, sodass das frühe "Anderssein", das bei allen späteren schwulen Männern schon mit drei oder vier Jahren nachweisbar ist, auch in dieser Phase häufig zu ersten Beziehungsstörungen (vor allem zwischen dem in unserer Gesellschaft latent homophoben Vater und seinem Sohn) führt.
Dannecker beschreibt eine besondere frühkindliche Phase der homosexuellen Entwicklung, die zu "konflikthaftem Selbsterleben" führen kann. Er spricht von einem "Feminitätsschub" des prähomosexuellen Buben, der sozusagen der schwulen Variante des Ödipuskomplexes geschuldet ist. Da der (schwule) Sohn nicht die Mutter, sondern den Vater begehrt, übernimmt er weibliche Züge, um dem Vater (so wie die Mutter) zu gefallen, erreicht dann aber gerade das Gegenteil seiner Intentionen, da der Vater weibliches Verhalten eben nur bei weiblichen Wesen gutiert. So kommt es zur frühen Beziehungsstörung zwischen Vater (bzw. beiden Eltern) und dem späteren Schwulen.
Ermann fokusiert den vom ihm "homosexuelles Dilemma" genannten Konflikt zwischen der frühen homosexuellen "Protoidentität" und den heterosexuellen Identitätsangeboten durch die frühkindliche und spätere Umwelt, der ein latentes Risiko für die spätere psychische Gesundheit des schwulen Mannes darstellt. Für ihn ist es nicht hilfreich, einen umgekehrten Ödipuskomplex des schwulen Kindes zu postulieren, da der homosexuelle Sohn nur bedingt mit der Mutter um den Vater konkurriert. Es geht vielmehr darum, dass der homosexuell empfindende Bub seine spezifische Form der Liebe (also die homosexuelle) gegenüber dem Vater anerkannt und erwidert haben möchte und dass die Ablehnung durch den Vater dann zu einer frühen Grundsteinlegung von Gefühlen des "Andersseins", des "Fremdseins", des "Nichtangenommenseins" führt.
Konsequenzen für die psychosoziale Praxis
Allen neueren Konzepten zur frühkindlichen Entwicklung späterer schwuler Männer ist gemeinsam, dass die Beziehung zwischen dem prähomosexuellen Sohn und dem Vater (durch dessen in dieser Phase meist unbewusst zum Tragen kommende internalisierte Homophobie) oft schweren Belastungen ausgesetzt ist und zu frühen Beziehungsstörungen führt. Die Verbindung zum ersten gleichgeschlechtlichen Liebesobjekt, also dem Vater, ist daher für viele schwule Männer eine Quelle von Unverstandenwerden, von Ablehnung, von Zurückweisung. Hier liegt eine frühe und wesentliche Ursache sowohl des bei vielen Schwulen vorfindbaren latenten oder manifesten Selbsthasses (die internalisierte Homophobie der Schwulen selbst) als auch der Beziehungsstörungen in schwulen Partnerschaften (ohne dabei die spezifischen Stressfaktoren für schwule Männer im Erwachsenenleben verniedlichen zu wollen).
Drei wichtige Einflussfaktoren:
Schwuler Selbsthass, der sich oft in der Ablehnung anderer Schwuler (die "oberflächliche Szene", die "Tunten, die…) und in zwanghafter Fixierung auf heterosexuelle Normen ("ich bin doch genauso normal wie alle andern") zeigt;
das oft serienmäßige Scheitern gewünschter Partnerbeziehungen ohne jedes Verständnis für die Schwierigkeiten solcher Beziehungen;
und schließlich das unlösbare "homosexuelle Dilemma" (Ermann), nämlich sich immer wieder fremd und anders in einer heterosexuell dominierten Umwelt zu fühlen.
Für alle die ubiquitären schwulen Probleme und auch ggf. deren pathologische Ausformungen in Form von handfesten psychischen Erkrankungen ist also oft ein früher Grundstein gelegt: die schwierige Beziehung zwischen Vater und Sohn und zwar nicht erst wenn in dieser Beziehung das Wort "schwul" fällt sondern schon viel früher.

Literaturhinweise:
Danneker, M. (2000) Probleme der männlichen homosexuellen Entwicklung In: Sigusch, V. (Hg.): Sexuelle Störungen und ihre Behandlung S. 102 - 123
Ermann, Michael (2005): Zur Revision der "Inversion". Zeitgemäßes über männliche Homosexualität. Vortrag auf der Jahrestagung der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft 2005 in Saarbrücken
Reiche, Reimut (2000): Der gewöhnliche Weg zur Homosexualität beim Mann In: Bosse, Hans / King, Vera (Hrsg.): Männlichkeitsentwürfe, S. 178 - 198

Der Autor Dr. Günther Reisbeck ist Psychotherapeut in München. Sein oben wiedergegebener Vortrag wurde der Dokumentation der Fachtagung "gleich - ganz anders" (März 2006) entnommen. Die vollständige Dokumentation findet sich auf der Webseite der Koordinierungsstelle für gleichgeschlechtliche Lebensweisen der Landeshauptstadt München. >> Tagungs-Dokumentation als PDF öffnen >>

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