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Unter'm Regenbogen - Lesben und Schwule in München

Ergebnisse einer Befragung im Jahr 2003 durch die Landeshauptstadt München
Text: Heike Franz, Andreas Unterforsthuber

Für die Befragung wurden 36.000 Fragebögen den Juli-2003-Ausgaben der Szenemagazine "ourmunich" und "sergej.münchen" beigelegt. Weitere 4.000 Stück wurden in den Münchner Szeneeinrichtungen ausgelegt und auf Veranstaltungen verteilt.
An der Befragung haben insgesamt 2.512 Personen teilgenommen, davon 2/3 Männer und 1/3 Frauen. Es haben sich fast ausschließlich nur deutsche Lesben und Schwule beteiligt (93%), Eu-Bürger machen noch 4,4 % aus.
An der Befragung haben über 60 % Betroffene mit höherem Bildungsabschluss teilgenommen. Dies lässt zwei Interpretationen zu: entweder ist das Bildungsniveau in der Bevölkerungsgruppe der Lesben und Schwulen insgesamt sehr hoch oder die Fragebogenaktion hat Personen mit niedrigerem Abschluss weniger angesprochen bzw. erreicht.
Einige Ergebnisse, die hier nur für die befragten Männer wiedergegeben werden:
Frage: Ich lebe meine Homosexualität offen
Männer |
Völlig | 30,8% |
Weitgehend | 56,4% |
Wenig | 10,5% |
Nicht | 2,3% |
30,8% der Schwulen und 24,4% der Lesben geben an, ihre Homosexualität "völlig offen" zu leben. Deutlich ansteigend sind die Werte bei der Antwortkategorie "weitgehend offen", immerhin 56,4% der Männer und 63,5% der Frauen stimmen dem zu.
In der Detailauswertung ist zu erkennen, dass selbst ein völliges oder weitgehendes Offenleben der Homosexualität nicht bedeutet, dass die sexuelle Orientierung auch tatsächlich in allen Bereichen bekannt ist.
Ca. 1/4 der völlig offen lebenden Schwulen hatte am Arbeitsplatz bei den KollegInnen kein oder nur ein teilweises coming out, bei den weitgehend offen Lebenden sind es schon etwa 3/4 der Befragten, die angeben, dass ihre Homosexualität bei den KollegInnen nicht oder nur teilweise bekannt ist. Ca. 30% der völlig offen und über 3/4 der weitgehend offen Lebenden geben an, dass die ArbeitgeberInnen nicht oder nur teilweise über die eigene Homosexualität Bescheid wissen.
Ein Erklärungsansatz für diese scheinbar widersprüchlichen Angaben könnte sein, dass für die Selbsteinschätzung, als Lesbe oder Schwuler offen zu leben, nicht zwingend notwendig ist, die eigene Homosexualität auch in allen Lebensbereichen bekannt zu machen. Der engere Familienkreis so wie der heterosexuelle Freundeskreis schneiden bei der Befragung in diesem Bereich wesentlich besser ab. Es kann also vermutet werden, dass bei der Selbsteinschätzung, wie offen die eigene Homosexualität gelebt wird, vor allem der Bekanntheitsgrad in den engeren sozialen Beziehungen wichtig ist.
41,5% der Schwulen und 55% der Frauen befürchten Benachteiligung, wenn ihre Homosexualität bei Behörden bekannt wird.
Frage: Es gibt Situationen, in denen es mir schwer fällt, mich zu "outen".
Die sehr hohen Zustimmungswerte weisen darauf hin, dass von einer Selbstverständlichkeit, lesbisch oder schwul zu sein, nach wie vor nicht ausgegangen werden kann. Da in unserer Gesellschaft grundsätzlich von der Annahme ausgegangen wird, alle Menschen seien heterosexuell orientiert, besteht für homosexuelle Menschen ein enormer Druck, sich mit dieser falschen Zuschreibung auseinander zu setzen, will man nicht ein unrichtiges Bild von sich aufbauen bzw. bestehen lassen.
Betrachtet man zu dieser Frage die Altersverteilung, so kann bei den Männern festgestellt werden, dass die unter 25-jährigen zwar mit einem Zustimmungswert von 75,5% solche Situationen am meisten kennen, jedoch sinken die Zahlen auch bei den anderen Altersgruppen nicht bedeutsam ab, immer noch 67,3% der über 55-jährigen Schwulen kennen solche Situationen.
Frage: Erleben von Ausgrenzungs-, Benachteiligungs- und Gewaltsituationen
Männer: |
häufig |
mehr-malig |
einmalig |
nie |
Ich wurde selber aufgrund meiner Homosexualität beschimpft oder verächtlich gemacht |
3,6% |
29,6% |
28,4% |
38,4% |
Ich bin aufgrund meiner Homosexualität selbst bereits entsprechendem Druck ausgesetzt gewesen |
3,6% |
16,2% |
19,2% |
61,1% |
Ich wurde selbst aufgrund meiner Homosexualität Opfer von körperlicher Gewalt (von Rempelei bis hin zur Körperverletzung) |
0,9% |
5,1% |
15,6% |
78,4% |
Ich wurde / werde in meiner Familie aufgrund meiner Homosexualität benachteiligt oder abglehnt |
3,9% |
9,9% |
19,0% |
67,1% |
Ich habe aufgrund meiner Homosexualität negative Erfahrungen innerhalb meines heterosexuellen FreundInnenkreises gemacht (Ablehnung, Rückzug usw.) |
1,6% |
17,9% |
23,7% |
56,8% |
Zwei zentrale Ergebnisse in diesem Bereich sind besonders beeindruckend:
1. Die Gesamtzahl der von Benachteiligung, Ausgrenzung und / oder Gewalt aufgrund der eigenen Homosexualität selbst betroffenen Lesben und Schwulen ist extrem hoch: mehr als 80% der Befragten haben angegeben, über solche Erfahrungen zu verfügen.
2. Leider verändert sich diese Zahl nicht wesentlich, wenn man die Angaben nach Altersstufen getrennt betrachtet. Entgegen der häufig und gerne vertretenen Ansicht, die Benachteiligung von Lesben und Schwulen habe in den letzten Jahren nachgelassen, bleiben die Prozentpunkte in allen Altersgruppen ähnlich hoch.
Beschimpfungen und Verächtlichmachung erlebten mehr als 61% der schwulen Männer. Opfer körperlicher Gewalt wurden mehr als 21 % der Befragten. Psychischen Druck haben fast 39% der schwulen Männer erlebt. In der eigenen Familie wurden fast 1/3 aller Betroffenen benachteiligt oder abgelehnt. Immerhin fast 43% der Schwulen gaben an, innerhalb ihres heterosexuellen Freundeskreises negative Erfahrungen aufgrund ihrer Homosexualität gemacht zu haben.
Im Bereich der Arbeitswelt geben 15% an, von KollegInnen benachteiligt oder ausgegrenzt worden zu sein. Die Arbeitgeber schneiden noch etwas schlechter ab, 21,6% der Betroffenen haben aufgrund der Homosexualität negative Erfahrungen mit dem Arbeitgeber gemacht, immerhin 27% geben an, dass sie aufgrund ihres Schwulseins Nachteile bei der beruflichen Entwicklung hinnehmen mussten.
Die Tatsache, dass über 69% der Schwulen Situationen kennen, in denen sie große Angst erlebt haben, als homosexuell erkannt zu werden, ist auch deshalb so bedenklich, weil sie deutlich darauf hinweist, wie wenig selbstverständlich Schwulsein auch heute noch ist.
Die Werte bei der Frage nach sexueller Belästigung am Arbeitsplatz sind ebenfalls beachtlich. Bedenkt man, dass Männer in der Regel eher nicht die Opfer sexueller Belästigung sind, erscheint der Wert von 14,2% bei den schwulen Männern doch sehr hoch.
Frage: Welche Bedeutung hat Ihrer Meinung nach das Thema Einsamkeit für ältere Schwule / Lesben ?
Männer |
Sehr große |
47,3 % |
Große |
45,1 % |
Geringe |
6,3 % |
Keine |
1,4 % |
Das zentrale Thema für Schwule und Lesben im Alter scheint das Thema "Einsamkeit" zu sein: Knapp 93 % aller Befragten gaben an, dass sie diesem Thema eine große bis sehr große Bedeutung zumessen.
Gleichzeitig gehen ca. 60 % davon aus, dass mit zunehmendem Alter die Möglichkeiten, neue soziale Kontakte zu schließen, abnehmen werden.
Frage: Halten Sie Ihre sozialen Kontakte für ausreichend ?
Während in der Altersstufe der bis 25-jährigen noch 17,5 % angeben nicht genügend soziale Kontakte zu haben und in den Stufen der bis unter 35- jährigen und der bis unter 55-jährigen durchgehend ca. 25 % über mangelnde soziale Beziehungen klagen, sind es bei den Betroffenen über 55 Jahren schon fast ein Drittel.
Die Männer, die ihre sozialen Kontakte aktuell für nicht ausreichend halten, befürchten im Alter eine weitere Zunahme ihrer Einsamkeit.

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