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Fritz Morgenthaler (1919 - 1984)

"Homosexualität" (1980)
Sexualität, in welcher Form sie sich auch immer zeigt, kann niemals eine Neurose, eine Psychose, eine Morbidität sein. Das Krankhafte kann stets nur als Ausdruck einer
disharmonischen Entwicklung im gesamten psychischen Haushalt verstanden werden. Die Annahme, dass eine gleichgeschlechtliche Partnerwahl bereits ein Symptom darstellt,
dass Homosexualität an sich ein Individuum psychisch krank macht,
ist eine Unterstellung. Die Erfahrung der Menschen aller Kulturen zeigt, dass Homosexualität eine der Möglichkeiten ist, wie sich normalerweise menschliches Sexualleben
ausformt. Nur unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen wird Homosexualität zu einer Krankheit stilisiert.
Es ist irreführend, wenn man polare Gegensätze, die sich ausschließlich auf sexuelle Erscheinungsformen beziehen, in den Mittelpunkt stellt, um Psychisches zu verstehen.
Viannai (1977) schreibt zurecht: "Wer beim Konstatieren der offensichtlichen Differenzen im Sexualverhalten von Homosexuellen und Heterosexuellen verharrt, bleibt an der
Oberfläche kleben, die durchstoßen werden muss, wenn die entscheidenden Strukturzusammenhänge sichtbar werden sollen. Dass Homosexualität und Heterosexualität einander "abstrakt" gegenüber
gestellt werden, ist notwendig falsches Bewusstsein, das einer spezifischen gesellschaftlichen Verfasstheit entspricht".
Die Schwierigkeit mit der Homosexualität liegt darin, dass das einzig Spezifische an ihr sexuell zu sein scheint. Das Sexuelle ist nicht weiter teilbar. Es ist eine Erscheinung
des Lebenden. Mit der Heterosexualität ist es nicht anders, nur fällt dort die Schwierigkeit weg, weil man gar nicht auf den Gedanken käme, von Heterosexualität zu sprechen, gäbe es nicht die
Homosexuellen. Ob man Heterosexuelle oder Homosexuelle psychoanalytisch betrachtet, das Psychopathologische, das zu Symptomen führt und das Individuum krank macht, ist nicht das Sexuelle,
sondern allenfalls das, was das Sexuelle behindert, stört oder verunmöglicht.
Eine Ungleichmäßigkeit zwischen Trieb-Entwicklung und Ich-Entwicklung ist unter den gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen die meisten Menschen leben, praktisch
überhaupt nicht zu vermeiden. Wenn aber ein Missverhältnis zwischen den Entwicklungslinien (gemäß der Theorie Anna Freuds) besteht, sind Auswirkungen zu erwarten, die alle Menschen mehr
oder weniger neurotisch werden lassen und sie in ihrem Sexualleben beeinflussen.
Es gibt relativ viele Homosexuelle, die auch heterosexuelle Beziehungen eingehen. Weil das bekannt ist, spricht man in diesen Fällen gern von Bisexualität. Dieser Begriff
verschleiert bloß die Unhaltbarkeit aller Polarisationen auf dem Gebiet der Sexualität. Es gibt im Grunde weder Hetero- noch Homo- noch Bisexualität. Es gibt nur Sexualität, die entlang
sehr variationsreicher Entwicklungslinien schließlich ihre, für jeden Einzelnen spezifische Ausdrucksform findet.
Innerhalb der psychischen Entwicklung vom Kleinkind zum Erwachsenen lassen sich, gleichsam makroskopisch, drei typische Stationen abgrenzen, die eine Entwicklung zur Homosexualität ermöglichen.
Frühe Kindheit
Die erste Station liegt innerhalb der narzistischen Entwicklung und bezieht sich auf Vorgänge, die mit der Abgrenzung der Selbst- und Objektrepräsentanzen und mit der Entstehung des Bildes des
Selbst, das heißt der eigenen Person zu tun haben.
Bei der Abgrenzung des Bildes der eigenen Person spielt die Beziehung zum eigenen Körper eine wichtige Rolle. Zu den Selbstrepräsentanzen gehört immer auch eine Körperrepräsentanz.
Bei der Identitätsbildung sind die wachsende Erfahrung der Körperbeherrschung, bei der Entwicklung der autonomen Funktionen die Entdeckung lustbetonter Körpergefühle an einem abgerundeten Bild des
Selbst beteiligt. Ausnahmslos spielt dabei die Autoerotik eine wichtige Rolle. Wenn das Kleinkind onaniert, experimentiert es damit, sich selbständig und ohne äußere Hilfe, also meist unabhängig von der Mutter,
Befriedigung zu verschaffen. Man kann auch sagen, dass die autoerotischen Befriedigungen des Kindes Triebhandlungen darstellen, die die späteren autonomen Funktionen des Ich vorausplanen.
Die erste Weichenstellung erfolgt bei der Ausbildung der Selbstrepräsentanzen durch die Betonung des Bedürfnisses nach Autonomie. In der frühen Kindheit wird dieses Bedürfnis nach
Autonomie durch eine Überbesetzung autoerotischer Aktivitäten befriedigt.
Diese Weichenstellung hat zur Folge, dass fortan Insuffizienzerscheinungen im seelischen Gleichgewicht durch einen Autonomiezuwachs im Selbstgefühl ausgeglichen werden.
Im weiteren Verlauf der Entwicklung werden höhere Stufen der Regulation erforderlich - Differenzierungen, die mit sexueller Befriedigung nichts mehr zu tun haben. Die autonomen Funktionen
beziehen dann ihre Erweiterung und Stärkung nicht mehr aus der Autoerotik, sondern aus ganz anderen Quellen der Persönlichkeit. Ungeachtet dessen bleibt bei einer Entwicklung zur Homosexualität die Regulierung
des Selbstwertgefühls, der Aufrechterhaltung differenzierter menschlicher Beziehungen, der Liebesfähigkeit, der zärtlichen und sinnlichen Gefühle, also aller Aktivitäten innerhalb des sozialen Lebens in erster Linie von den autonomen Funktionen der Persönlichkeit abhängig.
Nur in der sexuellen Organisation der Homosexuellen bleibt, gleichsam als Erbe der ersten Weichenstellung, die enge Beziehung zwischen Autoerotik und Autonomiestreben dauerhaft erhalten. Die sexuellen Interessen richten sich auf die eigene Person und insofern
auf andere, wie sie gleichen Geschlechts sind. Das Fremde wird wahrgenommen aber wenig besetzt. Die Neugier richtet sich auf das, was man mit sich selbst oder mit anderen, die einem gleichen, erleben kann.
Ödipaler Konflikt
Die zweite Station ist Bestandteil der ödipalen Entwicklung und bezieht sich auf die Auseinandersetzung mit den großen Figuren der Kindheit, wobei die Bewältigung der Inzestwünsche, der
Kastrationsangst, der Rivalitätsprobleme und der Anpassungszwänge, die die gesellschaftlichen Verhältnisse bedingen, im Vordergrund steht.
Unter dem Ödipuskonflikt versteht die Psychoanalyse eine allgemein vorkommende Konfliktsituation, die dann eintritt, wenn sich bei fortgeschrittener Triebentwicklung zielgerichtete Liebeswünsche
nach außen wenden. Dann wird jede andere als die geliebte Person als störend empfunden.
Auf der Höhe der frühkindlichen Sexualentwicklung werden die libidinösen Wünsche und die aggressiven Strebungen an die Erwachsenen gebunden. Der weitaus wichtigste Gesichtspunkt im ödipalen Konflikt
ist die Objektbeziehung. In der Regel wird eine erste Liebesbeziehung in der phallischen Phase der Triebentwicklung erreicht. Die Psychoanalyse nennt diese Strebung den Inzestwunsch. Auf den störenden Dritten werden
die aggressiven Impulse geleitet. Er soll beseitigt werden. Die damit in Verbindung stehenden Regungen werden als Todeswünsche zusammen gefasst.
Die im ödipalen Konflikt auftretende Angst, einem Stärkeren zu erliegen, ist so allgemein wie die Tatsache, dass der Erwachsene stärker ist als das Kind. Diese Angst kann, solange sie dauert - und
sei es das ganze Leben -, ihre Herkunft aus der phallischen Phase nicht verleugnen. Die Psychoanalyse nennt sie Kastrationsangst.
Der Konflikt, der zwischen narzißtischen Interessen und der libidinösen Objektbesetzung entsteht, hat in unseren gesellschaftlichen Verhältnissen gewöhnlich den erzwungenen Ausgang, dass der inzestiöse
Wunsch aufgegeben wird und gleichzeitig eine Identifikation mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil, das heißt mit der versagenden Hauptperson, erfolgt, wodurch der Schutz vor den Folgen der eigenen aggressiven Regungen gewährleistet ist.
Bei einer Entwicklung zur Homosexualität ist die inzestiöse Objektbeziehung nicht durch den Wunsch charakterisiert, das Liebesobjekt zu "besitzen", sondern am Liebesobjekt, an welches das
autoerotische Vorbild delegiert wird, die sexuelle Autonomie zu bestätigen. Die Rivalitätsaggressionen, die sich gegen den störenden Dritten richten, sind Aggressionen, die sich entwickeln, wenn dieses Autonomiebedürfnis
in Frage gestellt wird. Die Kastrationsängste sind die Ängste vor der drohenden Ohnmacht, die als Autonomieverlust gefürchtet wird.
Aus diesen Verhältnissen ergibt sich , dass bei eine Entwicklung zur Homosexualität der sexuellen Neugier,
die die realen Geschlechtsmerkmale auf dem Höhepunkt der phallischen Phase neu besetzt, eine entscheidende Bedeutung zukommt. Die neue Bewertung der Geschlechtsmerkmale dedramatisiert die Kastrationsängste. Wenn der kleine Knabe
den gefürchteten Vater als den erkennt, der ihm gleicht, kommt er plötzlich als autoerotischer Partner in Betracht. Entsprechend führt die Entdeckung der Geschlechtsmerkmale der Mutter dazu, dass das libidinöse Interesse an ihr nachlässt,
weil sie jetzt das Fremde, Andere darstellt. Damit beginnt der Ödipuskomplex bei Homosexuellen unterzugehen. An seine Stelle tritt ein spielerischer Umgang mit den Objekten, deren Doppelgesicht etwas Befreiendes, Relativierendes an sich hat.
Adoleszenz und Erwachsen-Sein
Die dritte Station liegt in der Pubertät und reicht über die Adoleszenz hinaus bis ins Erwachsenenalter. Sie bezieht sich auf die Vorgänge, die das "Coming Out" der Homosexualität betreffen. Es handelt sich dabei um
mögliche, oder eben nicht mögliche, direkte Konfrontation der Homosexualität einerseits mit dem verinnerlichten Bild der eigenen Person und anderseits mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit, in der der Homosexuelle lebt.
In der Pubertät gewinnt die Sexualität einen mächtigen Auftrieb und äußert sich in der homosexuellen Objektwahl, die in einem offensichtlichen Widerspruch zu den moralischen Forderungen der herrschenden gesellschaftlichen
Verhältnisse steht. Die Homosexuellen können sich in ihrer Umgebung zunächst nicht zurecht finden. Für sie ist auch kein Platz vorgesehen. Sie werden unmerklich isoliert und diskriminiert und fühlen sich in ihrer Selbsteinschätzung
entsprechend gestört. Oft werden sie verletzlich, labil und ängstlich. Die Auseinandersetzungen, in denen sie stehen, beziehen sich auf das "Coming Out" der Homosexualität. Das "Coming Out" stellt einen Prozess dar, in welchem sich die Homosexuellen bewusst als solche erkennen und zu erkennen geben.
Die Geschlechtsrolle des Erwachsenen entwickelt sich aus dem ödipalen Erbe. Bei Heterosexuellen sind die Erwartungen, die von der Gesellschaft ausgehen, und das Bild, welches der einzelne von seiner Rolle als
Mann oder als Frau ausbildet, im allgemeinen übereinstimmend. Der Unterschied der anatomischen Geschlechtsmerkmale rationalisiert die Verhaltens- und Erlebnismuster, die von polaren Gegensätzen bestimmt sind und die Unterschiede zwischen Mann und Frau in allen Belangen hervorheben.
Die Geschlechtsrolle der Homosexuellen ist anders definiert. Das Bild, welches der Homosexuelle von seiner Männlichkeit oder die lesbische Frau von ihrer Weiblichkeit ausbildet, ist von alternierend auftretenden und
auswechselbaren Verhaltens- und Erlebnismustern bestimmt, die nicht den Gegensatz zwischen Mann und Frau hervorheben, sondern Autonomie und Unabhängigkeit im Sexualleben vermitteln. Der Heterosexuelle strebt auch nach Autonomie und
Unabhängigkeit in seinem Sexualleben, aber erst in zweiter Linie. Voraussetzung für ihn ist, sich als Mann oder Frau zu bestätigen. Homosexuelle wollen sich auch als Mann oder Frau bestätigen, aber erst in zweiter Linie. Voraussetzung für sie ist, sich sexuell autonom und unabhängig zu wissen.
Ihre Geschlechtsrolle für sich selbst zu definieren, auszubilden und aufrecht zu erhalten ist der Inhalt des Bewusstseinsprozesses erwachsener Homosexueller, der die dritte Weichenstellung in der Entwicklung zur Homosexualität darstellt.
Gelingt dieser Schritt, setzt eine Umorientierung im Leben Homosexueller ein. Es geht dann nicht mehr in erster Linie darum, ob und wie sie sich zu erkennen geben und ob sie sich diskriminiert oder anerkannt fühlen. Für sie wird vielmehr das Bestreben immer wichtiger, ihr
Liebesleben frei von den gesellschaftlich vorgezeichneten Verhaltensmustern zu gestalten, obschon sie in allen anderen Belangen des täglichen Lebens diesen Verhaltensmustern folgen.
Um ein befriedigendes soziales Leben zu führen, müssen und wollen sie sich
anpassen. Gesellschaftliche Zwänge, Prestige, Macht- und Besitzverhältnisse schreiben ihnen Bewertungen vor, die im Widerspruch zu ihrem Liebesleben stehen und es doch zu bestimmen drohen. Können sie dem nicht entgehen, wird das alternierende Rollenspiel im
Sexualverhalten so beeinträchtigt, dass ihre Liebesfähigkeit schwer gestört wird.

Dieser Text ist eine Zusammenfassung der Veröffentlichungen "Homosexualität" in "Berliner Schwulenzeitung" (1980) und des Beitrags mit dem selben Titel für Volkmar Sigusch, "Therapie sexueller Störungen" (1980).

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