|
Afred C. Kinsey: Das sexuelle Verhalten des Mannes (1948)

Daten zum homosexuellen Verhalten von Männern
Es sind etwa 5300 Berichte weisser Männer, die das Material für die vorliegende Publikation geliefert haben.
Die Daten unserer gegenwärtigen Untersuchung zeigen an, dass mindestens 37 Prozent der männlichen Bevölkerung irgendwelche homosexuellen Erlebnisse zwischen beginnender Pubertät und Greisenalter aufweisen, das heißt mehr als einer von drei Männern, wie man sie in den Straßen einer Großstadt sieht. Unter den Männern, die bis zum Alter von 35 Jahrten unverheiratet bleiben, haben fast genau 50 Prozent homosexuelle Erlebnisse von Beginn der Pubertät bis zu diesem Alter.
Einige dieser Individuen haben dabei nur ein einziges Erlebnis und einige andere wiederum weisen wesentlich mehr, oft sogar lebenslängliche Erlebnisse auf; alle haben jedoch eine gewisse Anzahl von Erlebnissen bis zum Eintritt des Orgasmus.
Wir waren selbst vollkommen unvorbereitet, derartige Verbreitungsdaten anzutreffen, als wir seinerzeit mit der Forschungsarbeit begannen. Über eine Zeitspanne von mehreren Jahren waren wir wiederholt Zweifeln ausgesetzt, ob wir einen objektiven Querschnitt der Gesamtbevölkerung erhielten oder ob eine selektive Auswahl der Fälle das Resultat in Richtung der Homosexualität verschob. Wir machten jedoch die Erfahrung, dass jede neue Gruppe, die wir erfassten, im wesentlichen dieselben Werte lieferte. Die Verbreitungsdaten über die Homosexualität waren mehr oder minder die gleichen, ob es sich um Fälle in einer großen Stadt oder einer anderen großen Stadt, um Großstädte, Kleinstädte oder Landgebiete handelte, ob um das eine oder das andere College, um konfessionelle Schulen, Staatsuniversitäten oder private Institutionen oder ob sie von einem oder dem anderen geographischen Teil des Landes bezogen wurden.
Wenngleich die Richtigkeit der Daten über die gesamte sexuelle Triebbefriedigung immer wieder im Verlauf der Arbeit überprüft wurde, so wurde doch der Nachprüfung des Materials über Homosexualität besondere Aufmerksamkeit gewidmet.
Zusammenfassend kann man die Daten über die Verbreitung von tatsächlichen homosexuellen Erlebnissen in der [amerikanischen] weissen männlichen Bevölkerung wie folgt aufführen:
37 Prozent der gesamten männlichen Bevölkerung haben zumindest einige physische homosexuelle Erlebnisse bis zum Orgasmus zwischen Pubertät und Greisenalter. Dies bedeutet nahezu zwei von fünf Männern.
50 Prozent der Männer, die bis zum Alter von 35 ledig blieben, haben von Beginn der Pubertät an physisch homosexuelle Erlebnisse bis zum Orgasmus.
63 Prozent aller Männer haben niemals physische homosexuelle Erlebnisse bis zum Orgasmus nach Beginn der Pubertät.
50 Prozent aller Männer haben weder physische noch psychische homosexuelle Erlebnisse nach Beginn der Pubertät.
13 Prozent der Männer (etwa) reagieren erotisch auf andere Männer ohne tatsächliche homosexuelle Kontakte nach Beginn der Pubertät zu haben.
30 Prozent aller Männer haben zumindest einzelne homosexuelle Erlebnisse oder Reaktionen über eine Periode von mindestens drei Jahren zwischen dem Alter von 16 und 55 Jahren. Es handelt sich also um einen von drei Männern der Bevölkerung, die die frühen Jahre der Pubertät überschritten haben.
25 Prozent der männlichen Bevölkerung haben mehr als einzelne homosexuelle Erlebnisse oder Reaktionen über mindestens drei Jahre zwischen dem Alter von 16 und 55 Jahren. In Durchschnittszahlen heißt das, dass etwa einer von vier Männern derart deutliche und fortgesetzte homosexuelle Erlebnisse entweder gehabt hat oder haben wird.
18 Prozent der Männer haben mindestens genau so viele homosexuelle wie auch heterosexuelle Erlebnisse in ihrer Geschichte über mindestens drei Jahre im Alter von 16 bis 55 Jahren. Dies ist mehr als einer von sechs in der weißen männlichen Bevölkerung.
10 Prozent der Männer sind mehr oder weniger ausschließlich homosexuell durch mindestens drei Jahre im Alter von 16 bis 55 Jahren. Das ist einer von zehn der weißen Bevölkerung.
8 Prozent der Männer sind ausschließlich homosexuell durch mindestens drei Jahre im Alter von 16 bis 55 Jahren, das heißt einer von dreizehn.
4 Prozent der weißen Männer sind ihr ganzes Leben hindurch ausschließlich homosexuell (nach Beginn der Pubertät).
Da nur 50 Prozent der Bevölkerung als Erwachsene ausschließlich heterosexuell sind und nur 4 Prozent der Bevölkerung während ihres gesamten Lebens ausschließlich homosexuell sind, scheint es, dass sich fast die Hälfte der Bevölkerung als Erwachsene (46 Prozent) sowohl heterosexuell als auch homosexuell betätigt oder auf Personen beiderlei Geschlechts reagiert.
Bezüglich der Formen sexuellen Verhaltens geht ein großer Teil des Denkens von Wissenschaftlern wie auch Laien von der Voraussetzung aus, dass es "heterosexuelle" und "homosexuelle" Menschen gibt, dass diese zwei Typen in der sexuellen Welt Antithesen vertreten, und dass nur eine unbedeutende Klasse von "bisexuellen" eine Zwischenstellung zwischen den anderen Gruppen einnimmt. Es wird dabei vorausgesetzt, dass jeder Mensch vererbungsmäßig - veranlagungsmäßig - entweder heterosexuell oder homosexuell ist. Es wird weiterhin angenommen, dass man von Geburt an für das eine oder andere bestimmt ist, und dass es wenig Möglichkeiten gibt, dieses Schema im Laufe des Lebens zu ändern.
Es besteht allgemein die Ansicht, dass die Bevorzugung des Menschen für einen sexuellen Partner des einen oder anderen Geschlechts sowohl mit verschiedenen physischen und geistigen Beziehungen in Wechselwirkung steht, als auch mit der gesamten Persönlichkeit, die einen homosexuellen Mann oder eine homosexuelle Frau physisch, psychisch und vielleicht auch geistig von einem heterosexuellen Individuum unterscheidet. Es wird allgemein angenommen, dass diese Eigenschaften ein homosexuelles Individuum für jeden, der von diesen Dingen versteht, augenscheinlich und erkennbar machen. Sogar Psychiater sprechen von "der homosexuellen Persönlichkeit" und viele von ihnen glauben, dass Bevorzugungen eines bestimmten Geschlechts lediglich sekundäre Manifestationen von Dingen sind, die wesentlich tiefer in der Totalität des Unberührbaren liegen, die das sie Persönlichkeit nennen.
Die Berichte, die für die gegenwärtige Arbeit zur Verfügung stehen, beweisen, dass Heterosexualität oder Homosexualität bei vielen Personen durchaus keine Entweder-Oder-Angelegenheit ist. Zwar gibt es unter der Bevölkerung Personen, die eine ausschließlich heterosexuelle Vergangenheit aufweisen, und zwar sowohl in bezug auf ihre tatsächlichen Erlebnisse als auch in bezug auf ihre psychischen Reaktionen. Und es gibt Individuen, deren Vergangenheit ausschließlich homosexuell ist sowohl bezüglich der Erlebnisse, als auch in bezug auf psychische Reaktionen. Jedoch zeigen die Unterlagen, dass es einen beachtlichen Anteil der Bevölkerung gibt, deren Mitglieder in ihrer Geschichte sowohl homosexuelle als auch heterosexuelle Erfahrungen und (oder) psychische Reaktionen aufweisen. Es gibt Individuen, bei denen die heterosexuellen Erfahrungen überwiegen, bei anderen überwiegen die homosexuellen und wiederum bei anderen halten sich beide die Waage.
Einige Männer, die sich mit einer Art der Beziehung zu einem gewissen Zeitpunkt ihres Lebens abgaben, können sich zu einem späteren Zeitpunkt ausschließlich auf die andere Art der Beziehungen beschränken. Es können auch von Zeit zu Zeit beträchtliche Schwankungen in den Verhaltensweisen auftreten. Einige Männer können sich innerhalb der gleichen Zeitperiode sowohl heterosexuell als auch homosexuell betätigen. So gibt es einige, die sich innerhalb des gleichen Jahres, Monats, der gleichen Woche oder sogar des selben Tages sowohl in heterosexuelle als auch in homosexuelle Betätigung einlassen. Nicht wenig Personen lassen sich in Gruppenkontakte ein, bei welchen sie gleichzeitig Kontakte mit Partnern beider Geschlechter haben.
Männer setzen sich nicht aus zwei bestimmten Gruppen zusammen, der heterosexuellen und der homosexuellen. Die Welt lässt sich nicht in schwarze und weiße Schafe aufteilen: denn nicht alle Dinge sind schwarz oder weiß. Es ist ein Grundsatz der Taxonomie, dass die Natur selten getrennte Kategorien aufweist. Nur der menschliche Geist führt Kategorien ein und versucht, die Tatsachen in bestimmte Fächer einzuordnen. Die lebende Welt ist in allen ihren Aspekten eine Kontinuität. Je eher wir uns dieser Tatsache in bezug auf die menschliche sexuelle Verhaltensweise bewusst werden, desto eher werden wir zu einem gesunden Verhältnis der Realitäten gelangen.

Quelle: Alfred C. Kinsey, "Kinsey-Report, Das sexuelle Verhalten des Mannes", S. Fischer Verlag, 1966, 676 S.

< Zurück zu "Geschichte von Homosexualität und Psychiatrie"
|