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Richard A. Isay

"Schwul Sein" (1989)
Kindheit
Die meisten erwachsenen Homosexuellen berichten, dass sie im Alter von etwa acht bis vierzehn Jahren erstmals ihre homoerotischen Neigungen spürten. Manchmal erscheinen diese aber auch in der Erinnerung als "schon immer vorhanden". Beinahe alle Homosexuellen, mit denen ich in einer Psychoanalyse oder einer analytisch orientierten Therapie Kontakt hatte, berichten, dass sie etwa ab vier Jahren das Gefühl hatten, "anders" zu sein als Gleichaltrige, auch wenn es unterschiedliche Erinnerungen an das Alter gibt, in dem das sexuelle Interesse erstmals spürbar wurde. Sie empfanden sich als sensibler als andere Jungen, weinten leichter, fühlten sich in ihren Gefühlen schneller verletzt, hatten eher ästhetische Interessen, fanden Gefallen an Natur, Kunst und Musik und fühlten sich zu anderen "sensiblen" Jungen, Mädchen oder Erwachsenen hingezogen. Die meisten dieser Männer glauben auch, weniger aggressiver gewesen zu sein als andere Gleichaltrige und nie gerne an Wettkämpfen teilgenommen zu haben. Sie erlebten sich seit frühen Kindheitsjahren als Außenseiter.
Bei der therapeutischen Arbeit mit diesen homosexuellen Männern wurde mir klar, dass homoerotische Phantasien üblicherweise mindestens ab dem Alter von vier oder fünf Jahren präsent sind. Dieses Entwicklungsstadium läuft analog zu der ödipalen Phase bei heterosexuellen Jungen, mit dem Unterschied, dass das primäre Sexualobjekt homosexueller Jungen der Vater ist.
In den meisten Fällen führten die gleichgeschlechtlichen, auf den Vater gerichteten erotischen Phantasien dazu, dass diese Kinder sich erstmals anders als ihre Altersgenossen fühlen. Schon die Wahrnehmung dieser erotischen Gefühle und die Reaktion darauf können der Grund für das "atypische" Verhalten wie z.B. größere Verschlossenheit, Selbstisolierung und ausgeprägte Emotionalität sein. Andere Verhaltensweisen, die schnell als "feminin" abgestempelt werden, können auch durch die Identifikation mit der Mutter oder dem Mutterersatz entstehen. Solche Züge entwickeln sich im allgemeinen, um die Liebe und Aufmerksamkeit des Vaters auf sich zu lenken, ähnlich wie ein heterosexueller Junge sich Eigenschaften des Vaters zulegt, um die Aufmerksamkeit der Mutter zu erlangen. Einige dieser für vier- bis sechsjährige Jungen geschlechtsuntypisch erscheinenden Verhaltensweisen - ein relativer Mangel an Aggressivität, größeres Mitgefühl, Sensibilität oder ein Gefühl für Ästhetik, was alles Ergebnis dieser Identifikation sein kann - bleiben bis ins Erwachsenenalter hinein bestehen. Andere deutlich weibliche Verhaltensweisen mancher homosexueller Jungen können aufgrund des Sozialisationsdrucks in der Gruppe der Gleichaltrigen im Jugend- und Erwachsenenalter verschwinden.
In unserer Gesellschaft, wo männliche und weibliche Verhaltensweisen und Rollen auf allen Entwicklungsstufen starr definiert sind, wird Konformität belohnt und atypisches, vor allem geschlechtsuntypisches Verhalten mit Geringschätzung betrachtet und gewöhnlich mit Erniedrigung und Verspottung bestraft. Homosexuelle Knaben im Alter von vier bis sechs Jahren, vor allem diejenigen, die in ihrem Verhalten von als typisch männlich geltenden Normen abweichen, entwickeln das Gefühl, Außenseiter oder verweiblicht zu sein. Diese frühkindliche Selbstwahrnehmung kann in der späteren Kindheit zu Verschlossenheit und Isolation führen, was widerrum die Reaktion der Gleichaltrigen beeinflusst; dies kann zu weiterer sozialer Isolation und einem Unglücklichsein führen.
Väter und ihre homosexuellen Söhne
Die meisten homosexuellen Männer berichten, anders als die heterosexuellen Männer, die zu mir in Behandlung kommen, über ihre Kindheit, dass ihre Väter distanziert waren und kaum eine Bindung zu ihnen hatten.
Man muß unbedingt einen Unterschied machen zwischen dem tatsächlichen Umgang der Eltern mit ihren homosexuellen Söhnen und den rückblickenden Wahrnehmungen und Verzerrungen dieses Umgangs. Es gibt eine Reihe von Vätern, die tatsächlich abwesend oder distanziert sind; aufgrund ihrer Beziehung zu ihrer Ehefrau, weil sie zu sehr mit ihrer Arbeit beschäftigt sind oder weil sie emotional eingeschränkt sind. Derartige Faktoren treten jedoch in gleicher Weise bei Vätern von heterosexuellen Söhnen auf.
Spezifisch für die Kindheit von homosexuellen Jungen gilt jedoch, dass sich die Väter in den frühen Lebensjahren des Sohnes oft als Reaktion auf dessen Homosexualität von ihm distanziert oder sogar feindselig verhalten haben. Die Väter nehmen gewöhnlich wahr, dass diese Kinder anders sind als ihre Brüder, anders als die Väter und anders als ihre Altersgenossen. Diese Jungen sind vielleicht sensibler, haben mehr ästhetische Interessen, nehmen nicht so gerne an Wettkämpfen teil und sind nicht so gesellig wie heterosexuelle Kinder. Das mag dazu führen, dass der Vater sich zurückzieht oder auch einen älteren oder jüngeren Bruder bevorzugt, der geselliger, konventioneller, "maskuliner" erscheint.
Manche Väter von homosexuellen Jungen nehmen bewusst oder unbewusst wahr, dass ihre Söhne sowohl ein besonderes Bedürfnis nach Nähe als auch eine erotische Bindung an sie haben, und ziehen sich vielleicht auch deshalb zurück, weil sie Angst vor ihren eigenen homoerotischen Wünschen haben, die ihnen gewöhnlich nicht bewusst sind. Dass ein homosexueller Mann seinen Vater oft als distanziert, abwesend oder feindselig beschreibt, hängt nach meiner Erfahrung ebenso mit dem Bedürfnis zusammen, die Erinnerung an die frühe erotische Bindung an den Vater zu verzerren, wie mit dem tatsächlichen Rückzug des Vaters vor seinem homosexuellen Sohn, wenn er sich bewusst wird, dass sein Kind sich nicht so verhält wie andere Jungen im gleichen Alter, oder weil er selbst Angst bekommt vor der intensiven Bindung seines Sohnes an ihn.
Der Rückzug des Vaters, der immer als Ablehnung empfunden wird, kann ein Grund sein für das geringe Selbstwertgefühl und das Gefühl von Unzulänglichkeit, das manche Homosexuelle verspüren. Das Andauern einer frühen erotischen Zuneigung zum Vater wiedas Bedürfnis, sich dagegen zu wehren, prägen das Liebesleben des erwachsenen Homosexuellen entscheidend.
Jugend und Erwachsenenalter
Jedes Kind trägt zu Beginn seiner Jugend an einer Last von Schuldgefühlen wegen verbotener erotischer Gefühle und Impulse in der Kindheit. Das Jugendalter, in dem ein Kind eine physische und emotionale Distanz zu seinen Eltern herzustellen versucht, in dem die Anerkennung und die Werte Gleichaltriger immer wichtiger werden und sexuelle Impulse neue und oft erschreckende Macht gewinnen, ist eine angstauslösende Zeit.
Die Entwicklung einer sexuellen Identität setzt sich in der Jugend fort und wird durch homoerotische Phantasien, Masturbieren mit homoerotischen Vorstellungen, durch die sexuelle Anziehungskraft anderer Jungen und die ersten sexuellen Erfahrungen gefestigt. Dieser Prozeß mündet in der späteren Jugend normalerweise darin, dass man sich selbst als homosexuell identifiziert oder ein "Coming Out" stattfindet. Für den homosexuellen Jugendlichen kann dieses Entwicklungsstadium besonders beängstigend sein. Gewöhnlich hat er noch größere Schuldgefühle als ein heterosexueller Junge, weil er wahrnimmt, dass seine sexuellen Gefühle und Impulse andere sind als die seiner Familie oder Gleichaltriger. Sein Selbstwertgefühl hat oft schon unter dem Rückzug des Vaters gelitten, unter der Ablehnung der anderen Jungen, unter der Wahrnehmung und Selbstetikettierung seines "Andersseins" und unter der Verinnerlichung der gesellschaftlichen Vorurteile und Fehleinschätzungen.
Normalerweise finden die Festigung der sexuellen Orientierung und der Beginn der Integration als Teil eines positiven Selbstbildes bei homosexuellen Jugendlichen nicht so früh statt, wie bei Heterosexuellen. Kindheitserfahrungen, die Verinnerlichung gesellschaftlicher Missachtung, der Wunsch, heterosexuelle kulturelle Erwartungen zu erfüllen, und das Bedürfnis, von Gleichaltrigen anerkannt zu werden, führen gewöhnlich dazu, dass der homosexuelle Jugendliche seine Sexualität mit großer Anstrengung unterdrückt oder abwehrt.
Normalerweise erfolgt in der Mitte oder am Ende der Jugend auf das Erkennen und das Benennen der eigenen Homosexualität ein Coming Out anderen Homosexuellen gegenüber. Auf Gegenseitigkeit und Liebe beruhende Beziehungen sowohl sexueller als auch nichtsexueller Natur, sind die Voraussetzung für die gesunde Integration einer homosexuellen Identität und fördern ein positives Selbstbild. Solche Beziehungen unterstützen auch die Überwindung der Gefühle von Entfremdung und Verzweiflung, die in der Kindheit und frühen Jugend so oft durch die Ablehnung des Vaters und der Freunde entstanden sind.

Dieser Text ist eine stark gekürzte Leseprobe aus "Schwul Sein" von Richard A. Isay, erschienen im Piper Verlag, 1990. Die amerikanische Orginalausgabe "Being Homosexual" erschien 1989.

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