Logo des Community e.V.


graue Linie
Regenbogen-Flagge

graue Linie

< Zurück zur Übersichts-Seite:
"Schwul-Sein und psychische Gesundheit"

graue Linie
graue Linie
Ausschnitt aus unserem Logo

>> Alfred C. Kinsey: Der Kinsey-Report - Das sexuelle Verhalten des Mannes (1948) >>


Zur Geschichte von Homosexualität und Psychiatrie

Von Jack Drescher

Viel ist über die sogenannten Ursachen von Homosexualität spekuliert worden. Historisch finden sich drei Typen von Theorien in der juristischen, wissenschaftlichen und medizinischen Literatur zu den Ursachen von Homosexualität:

Theorien normaler Variationen definieren die gleichgeschlechtliche sexuelle Anziehung als eine natürlich vorkommende Form der Sexualität, vom selben Rang wie die Heterosexualität. Zum Vergleich ist eine häufige Normvariante bei Menschen zum Beispiel die Linkshändigkeit.

Eine zweite Art von Erklärungsmodellen, Theorien der Pathologie, definierten die erwachsene Homosexualität als Krankheit oder abnormen Zustand, abweichend von einem natürlichen vorgegebenen, heterosexuellen Entwicklungspfad. Die Vermutungen über krankmachende Einflüsse beinhalteten unter anderem: vorgeburtliche hormonelle Über- oder Unterversorgung, ein Übermaß an mütterlicher Zuwendung, ungenügende väterliche Zuwendung, Verführung durch eine ältere Person, ein dekadenter Lebensstil oder spirituelle Verwirrung.

Schließlich betrachteten Theorien der Unreife Homosexualität als potentiell normale Phase - obgleich eine vorrübergehende - , die auf dem Weg zur reifen erwachsenen Heterosexualität überwunden wird.

Im Jahr 1973 bestätigte die American Psychiatric Association (APA) das Paradigma der Normvariation und entfernte Homosexualität aus ihrer Auflistung psychischer Störungen. Dem Beispiel der APA folgend, übernahmen die wichtigsten Verbände und Standesorganisationen des Gesundheitswesens in den USA und anderen Ländern das Paradigma von Homosexualität als normaler Variation des sexuellen Verhaltens. Im Jahr 1993 wurde Homosexualität schließlich auch aus der International Classification of Diseases (ICD) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) entfernt.

Frühe moderne Theorien

Die moderne Geschichte der Homosexualität beginnt für viele Historiker im 19. Jahrhundert. Im Jahr 1864 veröffentlichte Karl Ulrichs, ein deutscher Anwalt, die Abhandlung "Rätsel der mann-männlichen Liebe". Er vertrat die These, dass Homosexualität für manche Männer normal sei. Mit weiblichen Anteilen und weiblichem Wesen versehen, bildeten diese Männer ein "drittes Geschlecht". Da der Begriff "Homosexualität" noch nicht erfunden war, bezeichnete Ulrichs diese Männer als "Urninge".

Eine gegensätzliche Hypothese wurde durch Krafft-Ebbing verteten. In seiner Psychopathia Sexualis (1886), einem medizinischen Kompendium unkonventioneller sexueller Verhaltensweisen, bezeichnete Krafft-Ebbing Homosexualität als "degenerative" psychiatrische Abweichung. Wie viele Menschen heute, glaubte er, dass einzelne Menschen mit einer biologischen Prädisposition für Homosexualität geboren werden. Im Gegensatz zu jenen, die heute glauben, dass Homosexualität angeboren sei, sah Krafft-Ebing Homosexualität jedoch nicht als normalen Wesenszug, sondern als angeborene Krankheit.

Theorien der Unreife: Sigmund Freud

Eine dritte Position in jenen frühen modernen Debatten zu den Ursachen der Homosexualität vertrat Sigmund Freud in den "Drei Abhandlungen über die Sexualtheorie" (1905).

Freud widersprach Krafft-Ebings pathologisierender Beschreibung der Homosexualität. Freud widersprach auch den Thesen eines "dritten Geschlechts". Er beanspruchte für die Psychoanalyse, sie stehe "im Gegensatz zu jedem Versuch, Homosexuelle vom Rest der Menschheit als eine Gruppe mit spezifischen Charakterzügen zu unterscheiden".

Freud verstand Homosexualität statt dessen als normales Entwicklungsstadium eines jeden Menschen. In seiner Krankheitslehre war homosexuelles Verlangen bei Erwachsenen ein Hinweis für einen Stillstand der psychosexuellen Entwicklung.

In seinem "Brief an eine amerikanische Mutter" schrieb Freud:

"Ich folgere aus Ihrem Brief, dass Ihr Sohn homosexuell ist. Ich bin höchst beeindruckt von der Tatsache, dass Sie diesen Begriff in Ihren Informationen über ihn nicht selbst erwähnen. Darf ich Sie fragen, warum Sie ihn vermeiden? Homosexualität ist sicher kein Vorteil, aber sie ist nichts, dessen man sich schämen müsste, kein Fehler, keine Entartung; sie kann nicht als Erkrankung eingeordnet werden; wir nehmen an, sie ist eine Variation der sexuellen Funktion, erzeugt durch einen gewissen Stillstand der sexuellen Entwicklung. Viele hoch respektable Persönlichkeiten vergangener Zeiten und der Gegenwart waren homosexuell, darunter einige der größten Männer (Plato, Michelangelo, Leonardo da Vinci, etc.)...." (Freud 1935).

Theorien der Pathologie: die amerikanischen Neo-Freudianer

Die Psychoanalytiker in der Mitte des 20. Jahrhunderts begründeten ihre klinischen Praxis auf den Arbeiten von Sandor Rado (1940). Rado behauptete, dass Freuds Theorie der angeborenen Bisexualität ein Irrtum sei, dass es eine normale Homosexualität nicht gäbe und dass Heterosexualität die biologische Norm sei.

Rado hielt die Homosexualität für psychopathologisch - eine phobische Meidung der Heterosexualität, verursacht durch unzulängliches Elternverhalten in der frühen Kindheit. Seine Theorie hatte viele Anhänger. Ausgehend von Radios Perspektive hielten Bieber und andere (1962) die Homosexualität für "eine pathologische biosoziale, psychosexuelle Anpassung als Folge von umfassenden Ängsten in Bezug auf die Äusserung heterosexueller Impulse". Socarides (1968) nannte die Homosexualität "eine Auflösung der Trennung von der Mutter, indem man vor allen Frauen flüchtet". Ovesey (1969) behauptete, die Homosexualität sei "eine abweichende Form der sexuellen Anpassung, zu der der Patient durch das Eindringen von Angst in die normale sexuelle Funktion gezwungen wird".

Diese psychoanalytischen Theorien hatten einen bedeutenden Einfluss auf das psychiatrische Denken in der Mitte des 20. Jahrhunderts und waren Teil der wissenschaftlichen Begründung mit der die Diagnose der "Homosexualität" in die zweite Auflage des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-II, American Psychiatric Association 1968) aufgenommen wurde.

Theorien der normalen Variationen: die APA-Entscheidung von 1973

In den frühen 70iger Jahren des 20. Jahrhunderts begann die American Psychiatric Association (APA) einen Entwicklungsprozess, an dessen Ende das Vertrauen des DSM-II auf die meta-psychologischen Formulierungen der Psychoanalyse aufgegeben wurde. Statt dessen näherte sich die APA einer diagnostischen Krankheitslehre, der medizinische und "beweisgestützte" Modelle zu Grunde lagen. Das neue Handbuch "Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 3. Auflage" (DSM-III) wurde schließlich im Jahr 1980 veröffentlicht. Zuvor führte aber eine Reihe von Ereignissen zu der Entscheidung der APA im Jahr 1973, das bestehende DSM-II zu erneuern und Homosexualität per se von der Liste psychischer Störungen zu streichen.

Der Auslöser für diesen Wandel kam von Aktivisten der Schwulenbewegung, deren Proteste das Jahrestreffen der APA 1970 sprengten. Diese Proteste brachten das wissenschaftliche Komitee der APA, das gerade mit der Neuformulierung des DSM-III begann, dazu zu erwägen, ob Homosexualität in dem diagnostischen Handbuch verbleiben sollte. Ein Unterkomitee, das sich mit dieser Streitfrage beschäftigte, arbeitete sich durch die wissenschaftliche Literatur aus nicht-psychoanalytischen Quellen, ein Gesamtwerk, das die Sicht von Homosexualität als normale Variante menschlicher Entwicklung unterstützte. Eine bemerkenswerte wissenschaftliche Untersuchung war Alfred Kinseys Bericht (1948, 1953), dass Homosexualität unter Nicht-Patienten in der Bevölkerung stärker verbreitet war, als allgemein angenommen. Ford und Beachs volkskundliche Studie (1951) bestätigte Kinseys Feststellung, dass Homosexualität kein seltenes Phänomen sei. Evelyn Hooker (1957) wies auf der Grundlage von Projektionstests nach, dass entgegen psychoanalytischer Theorie, eine Gruppe männlicher homosexueller Nicht-Patienten nicht mehr psychopathologische Störungen aufwies, als eine heterosexuelle Vergleichsgruppe.

Diese und andere Studien führten das wissenschaftliche Komitee der APA zu der Entscheidung, dass die wissenschaftliche Tatsachenlage die Sicht von Homosexualität als normaler Variante menschlicher Sexualität unterstützten. Das Komitee empfahl Homosexualität sofort aus dem DSM-II zu entfernen. Bevor es dazu kam, erhoben vor allem psychoanalytische Praktiker in einer Petition Einspruch gegen diesen Beschluss. Die Unterzeichner forderten, dass die wissenschaftliche Entscheidung der gesamten APA-Mitgliedschaft zur Abstimmung vorgelegt werden sollte. Trotz des Protestes der Psychoanalytiker stimmten die Mitglieder der APA für die Entscheidung des wissenschaftlichen Komitees und Homosexualität wurde aus dem diagnostischen Handbuch entfernt.

Die politische Dimension der klinischen Debatte

Es ist bemerkenswert, dass die Entscheidung der American Psychiatric Association im Jahr 1973 den politischen, staatlichen, religiösen und pädagogischen Institutionen und Medien die Möglichkeit nahm, sich weiterhin auf medizinische oder wissenschaftliche Begründungen für die Diskriminierung Homosexueller zu berufen. Ohne diesen Vorwand, entwickelte sich, insbesondere im letzten Jahrzehnt, eine beispiellose soziale Akzeptanz offen lebender Schwuler und Lesben.

Der Autor Dr. Jack Drescher ist Herausgeber des Journal Of Gay And Lesbian Psychotherapy. Er ist Vorsitzender der American Psychiatric Association im New York County District.

Dieser stark gekürzte Text von Jack Drescher findet sich vollständig in der amerikanischen Originalausgabe des Buches "Mental Health Issues in Lesbian, Gay, Bisexual, and Transgender Communities" (Hrsg. Billy E. Jones, Majorie J. Hill, Washington DC, 2002).

Lese-Link:

>> Alfred C. Kinsey, Kinsey Report, Das sexuelle Verhalten des Mannes (1948) >>

< Zurück zur Übersichts-Seite:
"Schwul-Sein und psychische Gesundheit"

Ausschnitt aus unserem Logo
graue Linie
graue Linie
graue Linie graue Linie

Impressum

Kontakt-Info

Email

Links

Danke

Opentracker: Web Site Analytics