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Studie "Schwule Jugendliche" (2001)

von Ullrich Biechele
Wirft man einen oberflächlichen Blick darauf, wie die heutige Jugendkultur in den Medien dargestellt wird, kann man leicht zu dem Eindruck gelangen, schwul oder vielmehr ‚gay' zu sein, sei heute kein Problem mehr. Sind die Zeiten wirklich vorbei, in denen die Mehrheit der Minderheit das Leben schwer machen wollte und konnte ?
Unsere Untersuchung zur Lebenssituation schwuler Jugendlicher wurde von Juni 1998 bis Juni 1999 des niedersächsischen Staatsministeriums für Jugend und Familie durchgeführt. Dabei erhielten wir 353 verwertbare Fragebögen aus dem deutschsprachigen Raum. Das Alter der Befragten reicht von 15 bis 25 Jahren, davon 36,5 % zwischen 15 und 20, das Durchschnittsalter beträgt 21,3 Jahre.
Coming Out
Sich damit zu beschäftigen, dass man sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlt, bedeutet nach wie vor, sich auf unsicheres Gelände zu wagen, in das Selbstbild die Zugehörigkeit zu einer verachteten Minderheit zu integrieren.
Durchschnittlich waren die Teilnehmer 13,4 Jahre alt, als sie zum ersten Mal dachten, sie könnten vielleicht schwul sein. Mehr als drei Viertel (75,6 %) kannten zu diesem Zeitpunkt keine Schwulen, hatten also keine Vorbilder, die ihnen ein schwules Leben vorleben konnten.
Zum Zeitpunkt der Sicherheit ‚schwul' zu sein, über drei Jahre später, mit durchschnittlich 16,7 Jahren, kannten bereits knapp die Hälfte (43,4 %) andere Schwule im privaten Umfeld. Umgekehrt bedeutet das: dass immer noch die Mehrzahl der Jugendlichen ohne persönlichen Kontakt zu anderen Schwulen den Prozess des inneren Coming-Out bewältigen muss.
Die wichtigste Frage am Anfang ist: Wem kann ich es erzählen ? Noch einmal anderthalb Jahre nach der Gewißheit, mit 18,2 Jahren, teilt der junge Schwule der ersten Person sein Schwulsein mit. Die erste Person, die ins Vertrauen gezogen wird, kommt in den meisten Fällen aus der privaten Peergroup. Bei 32,3 % ist es der Freund und bei 25,8 % eine Freundin. Insgesamt 21,2 % nennen ein Familienmitglied. Davon entfallen auf die Mutter 8,5 % auf den Vater 0,6 %, Bruder 2,5 %, Schwester 3,7 %, sowie sonstige Familienangehörige 5,9 %.
Fast die Hälfte unserer 15 - 25jährigen Interviewpartner hat bisher dem eigenen Vater die eigene Homosexualität nicht mitteilen können.
Während jeweils über 85 % der Freundinnen, Freunde und Schwestern und knapp 75 % der Brüder die Homosexualität spontan akzeptieren, tun sich die Eltern damit schwerer. Nach dem Outing liegt bei den Müttern spontane Akzeptanz bei 43,2 % und bei den Vätern bei 34,2 %. Ein knappes Fünftel der Mütter und ein gutes Viertel der Väter akzeptieren die Homosexualität des Sohnes bis heute nicht.
Alltagsbelastungen
Mehr als zwei Drittel aller Teilnehmer (67,3 %) geben an, dass sie wegen ihres Schwulseins mit größeren Belastungen fertig werden mussten bzw. müssen als gleichaltrige andere Jugendliche. Als häufigster Grund wird hier der erhöhte Kraftaufwand im Zusammenhang mit dem Coming Out genannt.
Als feindliche Reaktion auf ihr Schwulsein haben die Befragten erlebt: dass sich Gleichaltrige lustig machen / schlecht reden (56,1 %), dass sich Freunde zurückziehen (38,6 %), Beschimpfungen in der Öffentlichkeit (38,0 %), Beschimpfungen in der Schule (27,8 %), Beschimfungen in der Familie (16,3 %).
Liebe und Sexualität
Die Pubertät schwuler Jugendlicher unterscheidet sich erheblich vom heterosexuellen Muster. Den ersten festen Freund haben unsere Teilnehmer im Median* mit 19,3 im Gegensatz zu 16,8 Jahren für die erste Freundin bei heterosexuellen Jugendlichen. (*Median: der Wert an dem genau die Hälfte einen ersten festen Freund hat, genau die andere Hälfte noch nicht).
Psychosoziale Gesundheit
Psychosoziale Probleme liegen bei den Teilnehmern vor allem auf den Feldern Liebe und Sexualität sowie den sozialen Beziehungen. Am häufigsten genannt werden Partnerschaftsprobleme / Liebeskummer (54,4 %), Einsamkeit (47,3 %), Sorgen wegen AIDS (39,5 %), kennen lernen anderer Schwuler (36,8 %), Unzufriedenheit mit dem Sexualleben (34,2 %) sowie Outing in der Familie (33,1 %).
In der Mehrzahl der bisher veröffentlichten Befunde zur psychosozialen Situation war das spektakulärste Ergebnis meist eine erschreckend hohe Suizid(versuchs)rate bei schwulen Jugendlichen. In Deutschland sorgte im Jahr 2000 eine Studie der Senatsverwaltung in Berlin für Aufsehen, wonach 18 % von 111 Befragten bereits einen oder mehrere Suizidversuche hinter sich hatten und 56 % bereits an Selbstmord gedacht hatten. In unserer Stichprobe haben 8,2 % einen oder mehrere Suizidversuche hinter sich, und 18,1 % hatten ernsthaft an Suizid gedacht, während 42,5 % an Suizid gedacht hatten, aber nicht ernsthaft.
Mehr als jeder Vierte (25,4 %) hat bereits fachliche psychologische Hilfe in Anspruch genommen. Bezogen auf alle Befragten hatten sich 15 % der TN wegen Depressionen behandeln lassen, 11 % wegen Ängsten, 9,3 % nannten familiäre Probleme, 4,8 % nannten Suizidgefahr als Gründe für die psychologische Behandlung.

Dieser Text ist eine stark gekürzte Zusammenfassung einiger Ergebnisse der Studie "Schwule Jugendliche. Lebenssituation, soziale und sexuelle Identität" von 2001. Die Studie entstand mit Förderung des niedersächsischen Ministerium für Soziales, Frauen, Familie und Gesundheit.
Zum Autor:
Ulli Biechele
Jg. 1964, Dipl. Psychologe. Mitbegründer von PLUS, Psychologische Lesben- und
Schwulenberatung Rhein-Neckar. Projektleiter von "RISPE" (Rehablitation und
Integration für Schwule mit Psychiatrie-Erfahrung). Tätigkeit in der
Selbsthilfeberatung und Schwulenforschung. Kontakt: www.plus-mannheim.de

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